Meine Weihnachts- und Neujahrspause endet mit einer Überraschung: Der Säulenheilige des öffentlich-rechtlichen Zweiten Deutschen Fernsehens, Thomas Gottschalk, wird von seinem Sockel gestürzt. Und der Sturz kratzt ziemlich am Image und der Glaubwürdigkeit des ZDF.
Die sich entspinnende Debatte ist für die Öffentlich-Rechtlichen gerade leicht fatal, rückt sie doch ein lange bereits offensichtlich zutage tretendes Problem in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit: Es gibt eine Glaubwürdigkeitskrise der Sender ARD und ZDF, die einerseits Gebührengelder/Haushalts-Zwangsabgabe kassieren, andererseits dann aber die Werbewirtschaft mit ins Boot holen, den Privatsendern so das Wasser abgraben. Und zum Grundversorgungsauftrag gehört es eher nicht, einen inzwischen in die USA abgewanderten, eher im Herbst seines Berufslebens befindlichen deutschen Starmoderator um jeden, aber offenbar auch wirklich JEDEN Preis auf Sendung zu bekommen.
So bot sich das ZDF nun offenbar willig als Sponsoren-Werbeplattform (nach 20 Uhr) an mit maßgeblicher PR-Unterstützung durch den Starmoderator selbst und damit auch durch dessen Redaktion – diesen Schluss legt die Spiegel-Berichterstattung vom 14.01.2013 nahe. Ziel: Extra-Beträge zu erwirtschaften, die womöglich (oder wahrscheinlich?) in Gottschalksche Taschen fließen. Dabei ist eine Firma im Spiel, die der Bruder gegründet hat. Das Geld bleibt so wohl in der Familie, diesen Schluss legt die Berichterstattung nahe.
Vermeintlich dient diese Extra-Einnahmequelle dazu, die Lücke zwischen (gefühltem??) Marktwert von Gottschalk und seiner offiziellen Vergütung zu schließen. Das stinkt zum Himmel, weil die vom ZDF aus Gebührengeldern (ob direkt oder indirekt über Produktionsfirmen etc.) geleisteten Vergütungen für Gottschalk ja nun nicht gerade mitleiderregend sein dürften.
Folgender Kommentar des Perlentaucher-Machers Thierry Chervel über die allgemeine Sinnhaftigkeit der Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender, veröffentlicht im Springer-Medium “Welt”, sprach mir gestern aus der Seele: “Artenschutz für einen fettleibigen Staats-Apparat”.
Was für ein intelligentes Alternativ-Szenario Chervel entwirft, wenn er schreibt: Statt GEZ-Gebühr/Haushalts-Beitrag für die Öffentlich-Rechtlichen zu verwenden, könnte man “[...] ebenso gut [...] etwa Fonds für investigativen Journalismus schaffen, auf die sich Medien aller Genres bewerben könnten. Ausschreibungen für Medienprojekte wären denkbar, weil sie den Markt einschließen, [...]Die Diskussion ist überfällig. Dafür brauchen wir aber auch Politiker, die fähig wären, sich in der Machtfigur der Öffentlich-Rechtlichen nicht nur zu spiegeln, sondern ihr ins Gesicht zu blicken.”
Am 18.11. hatte ich in einem Post schon mal eigentlich scherzhaft geschrieben: “Es braucht neue Modelle, um unabhängige publizistische Stimmen zu finanzieren. Und das öffentlich-rechtliche Gebührenmodell wird wohl leider, leider nicht für Zeitungen aufgezogen. Hätte was für sich – ‘ne Art “Zeitungs-GEZ-Gebühr”für alle, die ‘nen Briefkasten haben. Aber genug gescherzt.” Vielleicht ist der vermeintliche Scherz ja bald realer, als wir jetzt noch glauben?
Der Hintergund zum Ganzen: Am Montag veröffentlichte der Spiegel seine investigative Geschichte, derzufolge Thomas Gottschalk in kongenialer Gewinnmaximierungs-Zusammenarbeit mit seinem Bruder jahrelang üppige Zulagen zu seinem hach so mickrigen öffentlich-rechtlichen Moderations-Honorar erwirtschaftet haben könnte.
Der Hebel dafür waren verdeckte Verträge mit anrüchigen Product-Placement-Regianweisungen – bevorzugt von Herstellern teurer deutscher KfZ-Markenfabrikate. Die detaillierten Regelungen zur kameragerechten Platzierung zur Verlosung stehender Autos waren verborgen in einem Vertrags”anhang” oder ähnlichen Zusätzen. Die Verträge schloss die Firma von Gottschalks Bruder mit Audi und anderen Firmen ab – und diese bezogen sich, so legt es die Spiegel-Berichterstattung nahe, Printausgabe vom 14.1.2013, zum Schein auf Lizenznutzungsgebühren für das “Wetten dass”-Logo und “Wetten Dass”-Stills und Ähnliches, zum Beispiel in Audi-Autohäusern. Tatsächlich ging es ums Audi-Product-Placement in der Live-Sendung “Wetten dass…”. Im Gegenzug flossen dafür laut Spiegel die angesprochenen Lizenzgebühren in die Taschen der Bruderfirma Gottschalks, aber als Add-On überließ Audi auch beispielsweise Thomas Gottschalk persönlich einen Audi R8 zur Nutzung.
Abgesehen vom ethischen Abgrund, der sich bei Gottschalks auftut, münden diese Spiegel-Enthüllungen vor allem nun in eine generelle Debatte um redaktionelle Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. Denn dafür kassieren diese ja rund 8 Mrd. Euro im Jahr, soweit ich es gerade recht im Kopf habe. Und angesichts der Krise der Printmedien – Financial Times Deutschland eingestellt, Gruner+Jahr zieht sich massiv aus der Wirtschaftsberichterstattung zurück, Frankfurter Rundschau womöglich vor der Einstellung oder Schrumpfung auf lokales Niveau – stellt sich nun natürlich die Frage, warum die Bürger seit 2013 per Haushalts-Zwangsabgabe mit mehr als 200 Euro zur Kasse gebeten werden, um Unabhängigkeit und Staatsferne zweier Sender zu gewährleisteten, die offenbar munter das Gegenteil machen und redaktionelle Sendeminuten meistbietend an die Wirtschaft verschachern – über Unterhändler mit dem Namen Gottschalk, versteht sich. So geben sich die Sender zwar (bedingt) staatsfern – bedingt, weil der Einfluss der Politik auf die Intendantenwahl zuletzt etwa beim ZDF schön zu besichtigen war - aber dafür äußerst wirtschaftsnah, wenn sie sich z.B. von der Audi-Marketingabteilung redaktionell lenken lassen. Natürlich will das ZDF von nichts gewusst haben, hat die Verträge angeblich nie gesehen, die die Firma von Gottschalks Bruder als Unterhändler abgeschlossen hat. Das können sie allerdings meiner Oma erzählen. Trotzdem gewinnt die Affäre durch diesen Kniff nicht die ganz große Schlagkraft, die das ZDF wirklich erschüttern könnte. Gut getrickst, Gottschalk-Brothers, könnte man sagen. Getrieben von Gier oder berechtigter Sorge um Unterbezahlung? Jeder möge seine eigenen moralischen Maßstäbe anlegen.
Um es nochmal zu betonen: ARD und ZDF erhalten die Gebührengelder der Bürger ausdrücklich, um ihren Grundversorgungsauftrag in “Staatsferne” zu erfüllen, also zur Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit gegenüber Verwaltung und Politik. Das mag ihre Position als vierte Gewalt im Staate stärken, wie es zumindest die Intendanten selbst immer gerne darstellen, die sich natürlich als systemrelevant für die Demokratie definieren. Vielleicht sollte man nun endlich ausdrücklich “Wirtschaftsferne” in die Prinzipien der Öffentlich-Rechtlichen mit aufnehmen?