Tageszeitungen im letzten Gefecht – Abwehrhaltung trifft Nostalgie

Wenn die Abwehrhaltung der Nostalgie fröhlich guten Tag sagt, wo sind wir dann? Bei der SED-PDS, pardon, beim Ortsverein der Linken in Eisenhüttenstadt oder Schwedt? Falsch! Diese Haltung sehen wir in den Verlagen unserer deutschen Tageszeitungen. Wo sind sie, die guten Konzepte für Tageszeitungen, die tragfähigen Geschäftsmodelle für die Zukunft?

Derzeit ist im Printbereich in Deutschland nicht viel zu sehen an neuen Ideen oder ermutigenden Projekten für das digitale Zeitalter. Mal abgesehen von einer  in Abwehrhaltung gegenüber der Digitalwelt vorangetriebenen Initiative wie dem Leistungsschutzrecht.

Eher schon gibt es zur grassierenden Ideen- und Mutlosigkeit auch noch nostalgische Anwandlungen – hach, früher war doch alles besser, damals, 1985 und erst 1995!

Beim Sanierungsprojekt Frankfurter Rundschau zum Beispiel wird überlegt, zum größeren nordischen Format zurückzukehren. Großartig! Ansonsten hat der neue Eigentümer bis auf 28 Redakteure alle Angestellten rausgeschmissen – nun kann wieder neu eingestellt werden. Wie viel weniger in Zukunft bezahlt wird, wie das mutmaßliche redaktionelle Outsorcing genau gestaltet wird, war noch nicht zu vernehmen. Die WAZ-Gruppe tat sich jüngst ebenfalls mit massivem Stellenabbau in den Redaktionen hervor.  Sparen, bis die Schwarte kracht, als letzter Ausweg für Print?

Etwas erfrischender liest sich zumindest die jüngste Ankündigung der taz. “Immer mehr Menschen” gibt es laut taz-Hausblog, “die nur am Wochenende Zeit für eine Zeitung finden.” Immer mehr Leser seien nicht mehr interessiert an der täglichen und stündlichen Information über Politik, Umwelt oder Gesellschaft – per Printausgabe am Morgen, denkt sich der Leser da noch hinzu.

Die “taz am Wochenende” soll deshalb zu “einer kompakten Wochenzeitung” umgestaltet werden.Fragt sich nur, was aus den Wochenzeitungen und Magazinen wird, wenn dei Tageszeitungen ihrerseits zu Wochenzeitungen werden. Ich glaube, gegen ZEIT, Spiegel, Focus, Stern und Gala haben es die TAgeszeitungen als Wochenversion, pardon, ein bissel schwer.

Bisher war die “taz am Wochenende” eine Art “magazinige” Beilage zur taz-Samstagsausgabe – und verhielt sich stilistisch und inhaltlich zur taz-Hauptausgabe am Samstag in etwa so wie das Magazin der Süddeutschen zu deren Hauptausgabe am Freitag.

Nun also der taz-Strategiewechsel, der zumindest in der Ankündigung eine komplett unabhängige Wochenzeitung verspricht. “Unsere Kunst muss darin liegen, an den richtigen Stellen etwas wegzulassen”, ferner wollen die Macher “die wahren Trends” erkennen und in  der Analyse “ausführlicher, frecher, tiefschürfender sein”. Tja, wenn das so einfach wäre, damit NEUE Leser zu gewinnen und nicht nur Umsteiger, die einst ein Vollabo hatten noch ein bisschen länger zu halten…

Posted in Uncategorized | Comments Off

(Aktualisiert, 2.März) Die linksliberale Mumie Frankfurter Rundschau erwacht!

Was war ich aufgeregt, als ich gerade schlaftrunken zum Briefkasten stapfte. Was würde mich erwarten auf dem Titel meiner Frankfurter Rundschau? Ein Grußwort von Angela Merkel oder Volker Kauder? Eine leere Seite, weil die übernommenen 28 Alt-Redakteure der FR schon in Streik getreten sind, nachdem sie gestern erste Arbeitsanweisungen ihrer neuen Eigentümer erhalten haben dürften?

Aber nein doch, die linksliberale Mumie lebt! Die Transfusion hat geklappt, der frische Lebenssaft aus dem Organismus der konservativen Mutter wird vorerst nicht abgestoßen!

Natürlich wird die publizistische und redaktionelle Integrität und Unabhängigkeit der FR gewahrt, versichern die neuen Eigentümer. Glaub ich ja, dass man die FR jetzt aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen nicht zu einer “FAZ Light” umbaut, Diversifikation im Produktportfolio, jetzt im Regal des FAZ-Supermarkts direkt neben den konservativen Verkaufschlagern: Ein auf Mindestmaß zurechtgestutztes und abrasiertes linksliberales Pflänzchen! Man überlege, wieder zum nordischen Format, also zum größeren Zeitungsformat wie es die FAZ hat, zurückzukehren. “Es gibt zwei Lager”, haben die neuen Eigentümer schon festgestellt. Die Zeit wird also im äußeren Erscheinungsbild schon mal zurückgedreht – eventuell.

Aber wie steht es jetzt wirklich um die publizistische Glaubwürdigkeit, die Blattlinie?

NUN, Briefkastendeckel ist auf, Zeitung in der Hand, sieht auf den ersten Blick wie immer aus, und doooooooooch: Tatsächlich, der prominenteste Platz auf der Titelseite ist freigeräumt für einen Artikel “In eigener Sache”, und was steht da?

Es schreibt Hans Homrighausen, frisch gebackener Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau GmbH, zuvor schon Geschäftsführer der Frankfurter Societäts GmbH, die die FAZ druckt und die Frankfurter Neue Presse. Es sei geschafft, wie der neue Eigentümer mit frisch erkauftem Besitzerstolz verkündet. “Die Frankfurter Rundschau lebt!”

Aber offenbar schweren Herzens verkündet Homrighausen auch: “Der Übergang in die neue Gesellschaft wird erkauft mit schmerzhaften Opfern.” Weiter hinten heißt es: “Warum glauben wir, dass wir diese so oft tot gesagte Rundschau erhalten können?”
Man möchte daran erinnern, dass der größte Teil der Arbeitsplätze und damit der berufliche Lebensmittelpunkt von 420 Angestellten nachgerade nicht nur totgesagt wurde, sondern gerade gestrichen, abgeschafft, eliminiert wurde.

Und ein ehrliches Wort gibt es auch: Man sei überzeugt, dass man gemeinsam am heimischen Markt wirtschaftliche Vorteile habe, die allen beteiligten Unternehmen Nutzen brächten. Dann wird es wieder eher heuchlerisch, oder kann man das Folgende den neuen Eigentümern, die das konservative deutsche Hausblatt herausgeben, wirklich abnehmen? Wir “[...]wissen[...], dass es fatal wäre, wenn dem Land eine derart einzigartige publizistische Stimme wie die FR verloren gegangen wäre. ” Wie einzigartig die noch sein wirdl, muss sich dann erweisen, denn ich habe noch nicht gelsen, woher die bundespolitischen Nachrichten künftig wirklich stammen, die bisher ja schon einige Zeit nicht mehr aus Frankfurt, sondern von der Dumont-Redaktionsgemeinschaft in Berlin zugeliefert wurden. Das könnte auch weiterhin der Fall sein – es ist scheinbar noch nicht entschieden.

Aktualisierung:

In der FR-Ausgabe von heute (2. März) versichert der Chefredakteur Arndt Festerling, wiederum auf der Titelseite: Kein Autor aus FAZ oder Frankfurter Neuer Presse (gehört ebenfalls zum Firmengeflecht der FAZ) werde je für die Frankfurter Rundschau schreiben. Dafür aber offenbar ein Heer freier Mitarbeiter – denn mit den 28 verbliebenen Redakteuren kann man natürlich kein nationales Blatt machen, wie FEsterling andeutet. Ob die Freien, die ja sicher fürstlich  entlohnt werden, das linksliberale Profil genügend schärfen können – warten wir es ab.

 

Posted in Uncategorized | Comments Off

#aufschrei! Sexismus-Debatte im Stile der 70er-Jahre ist so zeitgemäß wie…Sex-Opa Brüderle

Hach, was ist die #aufschrei-Debatte um Sexismus schön – klare, altertümliche Rollenbilder, eindeutig nach Geschlechtern zu trennende Zuschreibungen.  Und dies alles, nachdem Schwerenöter-Altmeister Rainer Brüderle im Stern der losen Zunge gegenüber einer fast 30-jährigen Journalistin überführt wurde. Und ja, liebe #aufschrei-Empörten, das war definitiv eine Respektlosigkeit und Grenzüberschreitung, die man Brüderle vorwerfen kann (auch wenn Zeitpunkt und Machart der Veröffentlichung dermaßen peinlich taktisch – Auflage! Aufmerksamkeit! – motiviert sind….). Die daran anschließende generelle Debatte, wie sie auf Spiegel online derzeit zu besichtigen ist, grenzt das Thema – also Sexismus von Männern gegenüber Frauen – allerdings völlig beliebig ein und ist in dieser Form ja nun auch völlig aus der Zeit gefallen. Auf heutigem Stand der Geschlechter- und Genderdiskussionen so einen ollen Schmu zelebrieren?

Diese ganze Diskussion in alten Grabenkämpfen zwischen Mann und Frau auszutragen, ist  in etwa so zeitgemäß wie Sex-Oppa Brüderle selbst oder der Professor (falls es ihn tatsächlich geben sollte) , der laut Tweet zu einer Studentin in der Prüfung sagte: “Malen Sie mir mal einen Herd an die Tafel. Da gehen Sie besser wieder dran.” Beklagenswert, dass es Tweets wie solche offenbar ungeprüft in die Berichterstattung von Spiegel Online schaffen. Wie wär’s hier mit Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Quelle? Denkt bei Spon irgendjemand auch an Trolle, die die Debatte mit frei erfundenen Beiträgen bereichern? Wo bleiben journalistische Standards in Zeiten des Web, liebe Spiegel-Gruppe?

Die Debatte in diese uralten Bahnen der Frauenemanzipation zu lenken, ist allerdings mein Hauptkritikpunkt an der Berichterstattung.  Das führt zu einer solch reflexhaften, zugleich unreflektierten und billigen Empörung, dass ich nicht nur einen #aufschrei hier absetzen will.

Und in diesem Aufschrei geht es um Klischees, Schubladendenken und ein lächerlich altmodisches Weltbild, das 1970 vielleicht aktuell war. In diesen alten Denkmustern werden Frauen zu Freiwild, die eben erst die Fesseln von Kindern, Küche und Kirche gesprengt haben. Die Debatte liefert so vorhersehbare Reflexe, zu denen der Bild-Zeitung  in den nächsten Tagen prächtige Schlagzeilen einfallen dürften.

Aber auf der Höhe der Zeit wäre die Debatte doch wohl eher, wenn wir uns fragen, ob nicht auch Männer, Kinder, mental eingeschränkte oder alte Menschen  Opfer von Sexismus werden können? Ob diese “Opfergruppen” nicht ebenso schützenswert sind? Ob zum Beispiel junge, in ihrem Wesen noch unsichere Männer nicht manchmal vor bubiverschlingenden Vamps  geschützt werden müssten?

Ich denke gerade nur an die Protagonisten, die Kate Winslet und David Kross in “Der Vorleser” darstellen. Vielleicht hat ja auch der Jüngere seine Position ausgenutzt, als er die geistig schwer verwirrte, ehemalige KZ-Aufseherin um den Finger wickelte? Machtmissbrauch, Machtgefälle – darum geht es, ganz egal, wo und hinter welchen Personen, Geschlechtern, Altersgruppen, Nationalitäten oder Umständen sich dies verbirgt.

Wie wäre es mit einer von Einsamkeit und Verzweiflung getriebenen Frau, nennen wir sie Susanne. Die studierte, sprachlich versierte und und nach Mainstream-Schönheitsidealen eher unattraktive Susanne also lernt in der Kneipe einen der deutschen Sprache nicht mächtigen, eben in Deutschland angekommenen Flüchtling namens Guiseppe kennen. Sie bringt den etwas einfältigen, aber in Susannes Wahrnehmung blendend aussehenden Guiseppe in Abhängigkeit, indem sie ihm allerlei Formalitäten erledigt und dank deutscher Sprachkenntnisse sogar einen Job verschafft. Daraufhin drängt sie sich ihm auf und nutzt seine Gefühle der Dankbarkeit zu einer sexuellen Ännäherung, der sich Guiseppe aus Schüchternheit und befürchteter NAchteile für die weitere Integration nicht zu widersetzen wagt. Was ist das?

Ist das  #aufschrei?? Ist das Sexismus? Ist das Ausländerfeindlichkeit? Ist das vielleicht eine furchtbare Diskriminierung und sexuelle Ausbeutung etwas einfach gestrickter Menschen, die sich nicht wehren können? Sehr richtig heißt es im ansonsten unterirdischen Spon-Artikel “Sexismus-Debatte: Übergriffe sind alltäglich”:  “Es braucht ein Machtgefälle, um Grenzen ungescholten überschreiten zu können.” Sehr richtig. Nur ist dieses Machtgefälle nicht ans Geschlecht gebunden. Also hört bitte schon auf mit dem #aufschrei-Quatsch. Oder weitet #aufschrei aus zu einer #respektlos-Debatte oder #machtmissbrauch-Debatte. Nur ließen sich damit halt nicht so hübsch Schlagzeilen machen und eine völlig verfehlte, hirnrissig aufgeblasene und moralinsauer-altmodische Debatte führen, die Klickzahlen in die Höhe treibt.

Schön und gut, was der Stern-Reporterin widerfahren ist, das ist eine unangemessene Grenzüberschreitung und – etwas tiefer gehängt – schlichtweg eine Respektlosigkeit, die als solche bezeichnet und dem Urheber gegenüber kritisiert gehört. Ausgerechnet Kanzlerin Merkel liefert dazu einen beschwichtigenden  Beitrag, der die vor allem auf Spiegel online reichlich übermäßig moralisch aufgeladene Debatte klug zurechtrückt: “Sie ließ ihren Sprecher mitteilen, dass sie für einen menschlich professionellen und respektvollen Umgang stehe – ausdrücklich auch zwischen Politikern und Journalisten”, steht in Spon.

 

 

Posted in Uncategorized | Comments Off

ARD/ZDF verlieren als gebührenfinanzierte Werbeplattformen ihre Existenzberechtigung!

Meine Weihnachts- und Neujahrspause endet mit einer Überraschung: Der Säulenheilige des öffentlich-rechtlichen Zweiten Deutschen Fernsehens, Thomas Gottschalk, wird von seinem Sockel gestürzt. Und der Sturz kratzt ziemlich am Image und der Glaubwürdigkeit des ZDF.

Die sich entspinnende Debatte ist für die Öffentlich-Rechtlichen gerade leicht fatal, rückt sie doch ein lange bereits offensichtlich zutage tretendes Problem in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit: Es gibt eine Glaubwürdigkeitskrise der Sender ARD und ZDF, die einerseits Gebührengelder/Haushalts-Zwangsabgabe kassieren, andererseits dann aber die Werbewirtschaft mit ins Boot holen, den Privatsendern so das Wasser abgraben. Und zum Grundversorgungsauftrag gehört es eher nicht, einen inzwischen in die USA abgewanderten, eher im Herbst seines Berufslebens befindlichen deutschen Starmoderator um jeden, aber offenbar auch wirklich JEDEN Preis auf Sendung zu bekommen.

So bot sich das ZDF nun offenbar willig als Sponsoren-Werbeplattform (nach 20 Uhr) an mit maßgeblicher PR-Unterstützung durch den Starmoderator selbst und damit auch durch dessen Redaktion – diesen Schluss legt die Spiegel-Berichterstattung vom 14.01.2013 nahe. Ziel: Extra-Beträge zu erwirtschaften, die womöglich (oder wahrscheinlich?) in Gottschalksche Taschen fließen. Dabei ist eine Firma im Spiel, die der Bruder gegründet hat. Das Geld bleibt so wohl in der Familie, diesen Schluss legt die Berichterstattung nahe.

Vermeintlich dient diese Extra-Einnahmequelle dazu, die Lücke zwischen (gefühltem??) Marktwert von Gottschalk und seiner offiziellen Vergütung zu schließen. Das stinkt zum Himmel, weil die vom ZDF aus Gebührengeldern (ob direkt oder indirekt über Produktionsfirmen etc.) geleisteten Vergütungen für Gottschalk ja nun nicht gerade mitleiderregend sein dürften.

Folgender Kommentar des Perlentaucher-Machers Thierry Chervel über die allgemeine Sinnhaftigkeit der Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender, veröffentlicht im Springer-Medium “Welt”, sprach mir gestern aus der Seele: “Artenschutz für einen fettleibigen Staats-Apparat”.

Was für ein intelligentes Alternativ-Szenario Chervel entwirft, wenn er schreibt: Statt GEZ-Gebühr/Haushalts-Beitrag für die Öffentlich-Rechtlichen zu verwenden, könnte man “[...] ebenso gut [...] etwa Fonds für investigativen Journalismus schaffen, auf die sich Medien aller Genres bewerben könnten. Ausschreibungen für Medienprojekte wären denkbar, weil sie den Markt einschließen, [...]Die Diskussion ist überfällig. Dafür brauchen wir aber auch Politiker, die fähig wären, sich in der Machtfigur der Öffentlich-Rechtlichen nicht nur zu spiegeln, sondern ihr ins Gesicht zu blicken.”

Am 18.11. hatte ich in einem Post schon mal eigentlich scherzhaft geschrieben: “Es braucht neue Modelle, um unabhängige publizistische Stimmen zu finanzieren. Und das öffentlich-rechtliche Gebührenmodell wird wohl leider, leider nicht für Zeitungen aufgezogen. Hätte was für sich – ‘ne Art “Zeitungs-GEZ-Gebühr”für alle, die ‘nen Briefkasten haben. Aber genug gescherzt.” Vielleicht ist der vermeintliche Scherz ja bald realer, als wir jetzt noch glauben?

Der Hintergund zum Ganzen: Am Montag veröffentlichte der Spiegel seine investigative Geschichte, derzufolge Thomas Gottschalk in kongenialer Gewinnmaximierungs-Zusammenarbeit mit seinem Bruder jahrelang üppige Zulagen zu seinem hach so mickrigen öffentlich-rechtlichen Moderations-Honorar erwirtschaftet haben könnte.

Der Hebel dafür waren verdeckte Verträge mit anrüchigen Product-Placement-Regianweisungen – bevorzugt von Herstellern teurer deutscher KfZ-Markenfabrikate. Die detaillierten Regelungen zur kameragerechten Platzierung zur Verlosung stehender Autos waren verborgen in einem Vertrags”anhang” oder ähnlichen Zusätzen. Die Verträge schloss die Firma von Gottschalks Bruder mit Audi und anderen Firmen ab – und diese bezogen sich, so legt es die Spiegel-Berichterstattung nahe, Printausgabe vom 14.1.2013, zum Schein auf Lizenznutzungsgebühren für das “Wetten dass”-Logo und “Wetten Dass”-Stills und Ähnliches, zum Beispiel in Audi-Autohäusern. Tatsächlich ging es ums Audi-Product-Placement in der Live-Sendung “Wetten dass…”. Im Gegenzug flossen dafür laut Spiegel die angesprochenen Lizenzgebühren in die Taschen der Bruderfirma Gottschalks, aber als Add-On überließ Audi auch beispielsweise Thomas Gottschalk persönlich einen Audi R8 zur Nutzung.

Abgesehen vom ethischen Abgrund, der sich bei Gottschalks auftut, münden diese Spiegel-Enthüllungen vor allem nun in eine generelle Debatte um redaktionelle Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. Denn dafür kassieren diese ja rund 8 Mrd. Euro im Jahr, soweit ich es gerade recht im Kopf habe. Und angesichts der Krise der Printmedien – Financial Times Deutschland eingestellt, Gruner+Jahr zieht sich massiv aus der Wirtschaftsberichterstattung zurück, Frankfurter Rundschau womöglich vor der Einstellung oder Schrumpfung auf lokales Niveau – stellt sich nun natürlich die Frage, warum die Bürger seit 2013 per Haushalts-Zwangsabgabe mit mehr als 200 Euro zur Kasse gebeten werden, um Unabhängigkeit und Staatsferne zweier Sender zu gewährleisteten, die offenbar munter das Gegenteil machen und redaktionelle Sendeminuten meistbietend an die Wirtschaft verschachern – über Unterhändler mit dem Namen Gottschalk, versteht sich. So geben sich die Sender zwar (bedingt) staatsfern – bedingt, weil der Einfluss der Politik auf die Intendantenwahl zuletzt etwa beim ZDF schön zu besichtigen war -  aber dafür äußerst wirtschaftsnah, wenn sie sich z.B. von der Audi-Marketingabteilung redaktionell lenken lassen. Natürlich will das ZDF von nichts gewusst haben, hat die Verträge angeblich nie gesehen, die die Firma von Gottschalks Bruder als Unterhändler abgeschlossen hat. Das können sie allerdings meiner Oma erzählen. Trotzdem gewinnt die Affäre durch diesen Kniff nicht die ganz große Schlagkraft, die das ZDF wirklich erschüttern könnte. Gut getrickst, Gottschalk-Brothers, könnte man sagen. Getrieben von Gier oder berechtigter Sorge um Unterbezahlung? Jeder möge seine eigenen moralischen Maßstäbe anlegen.

Um es nochmal zu betonen: ARD und ZDF erhalten die Gebührengelder der Bürger ausdrücklich, um ihren Grundversorgungsauftrag in “Staatsferne” zu erfüllen, also zur Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit gegenüber Verwaltung und Politik.  Das mag ihre Position als vierte Gewalt im Staate stärken, wie es zumindest die Intendanten selbst immer gerne darstellen, die sich natürlich als systemrelevant für die Demokratie definieren. Vielleicht sollte man nun endlich ausdrücklich “Wirtschaftsferne” in die Prinzipien der Öffentlich-Rechtlichen mit aufnehmen?

Posted in Journalismus, Zukunftsmusik | Tagged , , , , , , | Comments Off

Fremdscham, lass nach. FTD sagt zum Abschied leise: “Sorry, dass wir die Besten waren!”

Die Financial Times Deutschland ist heute zum letzten Mal erschienen, schluchz.

Tschüs, gedruckte Qualitätsblätter

Foto: NiceBastard (CC: BY-NC-SA)

Die Titelseite macht auf melodramatisch, ist ganz in schwarz gehalten, der Zeitungskopf trägt einige Buchstaben zu wenig und macht deshalb  aus der Financial Times Deutschland eine Final Times, haha.  Erinnert mich irgendwie an unsere Schülerzeitung (die hieß Eintopf – die letzte Ausgabe dann K-Eintopf).

Die drei Chefredakteure richten etwas weniger selbstmitleidige, dafür erstaunlich selbstzufriedene letzte Worte an die Leser.

Sorry, irgendwie werde ich EURE eitle Dreifaltigkeit nicht vermissen. Vielleicht tu ich Euch aber auch unrecht und diese supersympathische Selbstbespiegelung, in nur ganz wenig affektierter ironischer Entschuldigungsform (Sorry, dass wir die Besten der Besten waren!) musste der allerletzte Praktikant schreiben, während ihr, meine Lieben, die heiligen Redaktionsreserven an Trinkbarem leergetankt habt. Sorry, dass ich so kritisch bin mit Euch. Entschuldigung, mein Gehirn ist einfach zu groß und hat in den Regionen für Fremdschämen ganz besonders viele Windungen. Sorryyyyy!!!!!

Kollege Heusinger von der Frankfurter Rundschau findet ein paar treffende, mit nur mildem Spott versetzte Worte zum letzten Geleit: “Ein dreifacher Dank, liebe FTD.”
Mir fallen spontan auch einige unglaublich spritzige Abschiedszeilen ein: Hoch soll se lebe, wolle m’r se rauslasse,  tätätätä.

In der Diskussion um die insolvente Frankfurter Rundschau macht das Gerücht dir Runde, sowohl die Frankfurter Allgemeine als auch die Süddeutsche seien zumindest an der Aboadressdatei der FR interessiert, was ja ziemlich plausibel klingt. Der Verlag der Süddeutschen denkt angeblich über eine Frankfurt-Ausgabe nach.

Ich bin als aktueller FR-Leser nun in einiger Sorge, also vor allem darüber, dass ich bald die “Zeitung für Deutschland” als “Zeitung für Sachsenhausen” in meinem Briefkasten finden könnte.

Posted in Journalismus, Zukunftsmusik | Tagged , , | Comments Off