Schöne neue Welt: „Maschinen werden nicht die Weltherrschaft übernehmen“ – oder?

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Michael Schmidt-Salomon bei der Eröffnung im Hörsaalzentrum der Uni Frankfurt, Westend

 

 

 

 

 

Künstliche Intelligenz, die Autos und Verkehrsströme lenkt oder Einkäufe erledigt, aber auch hilfebedürftige Menschen zu Hause pflegt und Krankheiten diagnostiziert – dieser Welt nähern wir uns in zunehmender Geschwindigkeit, das ist  einigermaßen unstrittig.

“Freien Blick auf die Auswirkungen der Technik auf den Menschen” versprach nun das “Frankfurter Zukunfts-Symposium” – „Schöne neue Welt?“ am 29. Oktober 2016 an der Goethe-Universität. Veranstalter waren Uni, Giordano-Bruno-Stiftung und der Ethikverband der deutschen Wirtschaft.

Die Frankfurter Veranstaltung wollte Antworten finden auf Fragen wie etwa jene, ob die Technik den Menschen perfektioniert oder ihn ersetzbar macht. Weiter: “Kann uns traditionelle Ethik bei der Bewältigung zukünftiger Herausforderungen behilflich sein oder benötigen wir eine neue?”
Dass viele Menschen durch hochintelligente Maschinen eher Unheil erwarten als “Erlösung” oder zumindest eine Erleichterung und Verbesserung ihres Lebens oder ihrer Lebensumstände, ist ein Umstand, der  sicherlich auch abhängig von der Kultur auftritt – sprich in Deutschland eher häufiger als in den USA, wenn man dabei Menschen mit ähnlichen soziodemografischen Merkmalen vergleicht.
Matthias Horx, dessen Zukunftsinstitut den Hauptsitz in Frankfurt am Main hat, stieg in seinen Vortrag unter anderem mit dem Hinweis auf Ray Kurzweil ein, der Technologie als Erlösung betrachte, die die “Singularität” quasi herbeisehnt. Ray Kurzweil selbst hatte ich vor knapp einem Jahr auf der Bühne erlebt beim “Nobel Week Dialogue” in Göteborg.

„Maschinen werden nicht die Weltherrschaft übernehmen“, urteilte Stuart Russell, Professor an der kalifornischen Universität Berkeley, bei der Podiumsdiskussion in Göteborg im Dezember 2015 im Plenum zum Thema „Should we fear or welcome the Singularity?“ (Sollten wir uns vor der Singularität fürchten oder sie begrüßen?).
Singularität meint den Moment, in dem sich Maschinen in ihren geistigen Fähigkeiten selbst so verbessern können, dass technischer Fortschritt in neue, unvorhersehbare Dimensionen vordringt. Dass künstliche Intelligenz dabei außer Kontrolle gerät und sich gegen ihre Erfinder richtet, hält Russell jedoch für eine fantastische Idee. „Künstliche Intelligenz könnte auch die Menschheit retten“, hält er dem entgegen. Dazu müsse sie aber menschliche Werte und moralische Normen verstehen.

Niemand wolle ja, dass der Hausroboter die Katze kocht, weil der Kühlschrank leer ist, aber schnell ein Essen auf den Tisch muss. Dass der Roboter das Haustier als wertvolles Familienmitglied einstuft und nicht als Quelle von billigem Fleisch, ist ein anschauliches Beispiel für ethische Entscheidungen und Dilemma-Situationen, das viel Heiterkeit im Plenum auslöst. „Es geht für Computer darum zu verstehen, was für Menschen richtig und falsch bedeutet.“

Wer künstliche Intelligenz als mögliches Sicherheitsrisiko betrachtet, müsse sich auch fragen, ob menschliches Versagen – etwa mit Blick auf den Absturz der Germanwings-Maschine über den französischen Alpen 2015 – nicht das größere Risiko sei.

Doch für Ray Kurzweil, Erfinder und Leiter der Entwicklung bei Google, ist es natürlich entscheidend, die Sicherheit von künstlicher Intelligenz zu gewährleisten. Kurzweil sagt in seinem Vortrag, er habe 50 Jahre über das Denken nachgedacht und berichtet über Erkenntnisse aus der Neocortex-Forschung und „Reverse Engineering“- Projekten, die versuchen, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns anhand von Simulationen zu verstehen. Daran arbeitet Kurzweil auch in einer Forschungsgruppe bei Google.
„Wir haben kein perfektes Wissen, aber wie haben sehr viel nützliches Wissen über die Vorgänge im Gehirn.“ Letzten Endes werden Menschen in Zukunft künstliche Intelligenz jederzeit in der Cloud anzapfen können, um das eigene Denkvermögen zu erhöhen, meint Kurzweil. „Wir werden eine Mischform werden aus biologischem und nichtbiologischem Denken“, so lautete Ray Kurzweils Prognose in Göteborg.

Horx vertritt (und verkauft) ein “Technolution-Modell”, das er als sozioevolutionäres Technologie-Prognose-System bezeichnet.
Horx relativiert die von manchen erwartete Ablösung des Menschen durch Maschinen, beispielsweise des Autofahrers durch selbstfahrende Vehikel, als er sagt, dass die Sinnlichkeit des Menschen allgemein unterschätzt werde. Daraus leitet Horx Gründe ab, warum das selbstfahrende Auto auch scheitern oder sich seine Einführung zumidnest erhelblich verzögern könnte. Die Soziotechnik des Autofahrens beschreibt Horx als Kombination aus verschiedenen Motiven, darunter Streben nach Kontrolle und Kontrollerleben, Macht- und Statusdemonstration, Autonomie/Freiheit, aber auch Cocooning, also das Streben danach, im eigenen Auto einen Rückzugsort zu finden. Am Ende meint Matthias Horx trotzdem: “Die Autoindustrie könnte sich durch das selbstfahrende Auto selbst disruptieren.” Fazit: Horx glaubt, das selbstfahrende Auto werde kommen (und sich durchsetzen), aber es werde noch unheimlich lange dauern bis zu seiner allgemeinen Verbreitung . . .

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Spanien: Grobheit im Supermarkt geht gar nicht

Beim Reisen lernt man ja oft mehr über sich selbst als einem lieb ist. Wenn sich Harald Martenstein in Berlin schon freut, morgens bei der Fahrt zur Arbeit auf dem Rad nur zweimal als Arschloch beschimpft zu werden, könnte der Kontrast zum Leben in Spanien kaum größer sein.
Als Deutscher, der in dieser Hinsicht auch einiges an Boshaftigkeiten gewohnt ist (und sicher auch selbst seinen Teil dazu beiträgt), finde ich die hohe spanische Toleranz gegenüber langsameren Mitmenschen, ob im Auto, auf dem Rad oder im Supermarkt, bemerkenswert. Man ist in diesen Dingen demonstrativ entspannt.
Pöbelei und grobes Foulspiel speziell beim nervtötenden Warten in größeren Menschenmengen habe ich in Spanien nie erlebt. In Deutschland gehören diese Phänomene beim Einkaufen oder am Bahnhof ja fast irgendwie dazu. Dass sich Kunden in Geschäften, Bars oder bei der Bahn lautstark beschweren oder gar unverschämt werden, ist in Spanien schwer zu finden. Mitmenschen die eigene schlechte Laune – “mala leche” – spüren zu lassen, ist verpönt. Der kontrast zu Deutschland scheint hier deutlich – das ist aber nur ein Baustein für die manchmal etwas angespannte Atmosphäre im Umgang “auf der Straße” und im Alltagsleben dahoim. Die umstände führen bei mir jedenfalls zu oft zu ungesundem Spannungsaufbau.
Meine längst zur Gewohnheit gewordene Anspannung im deutschen Alltag wurde mir in Spanien zum Beispiel sehr bewusst, als ich ein Straßenfest in Madrid besuchte, hier ein Foto der Feiern im Viertel “La Latina” zu Ehren der “La Virgen de la Paloma”, 16.08.2014.

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Zugegebenermaßen bin ich in Menschenmengen meistens emotional überfordert oder übersensibel, halte die Ellbogen im Anschlag in einer Art permanenter innerer Verteidigungshaltung – sehr unentspannt das alles – und vermutlich auch stark lebensverkürzend.
Am Essensstand beim Straßenfest war dann allerdings auch niemand, der sich mehr oder weniger elegant vor mich schob, wie es in Deutschland immer passiert. Und als das einmal im Bahnrestaurant und einmal in einem Zeitschriftenladen passierte, achteten die Verkäufer peinlich darauf, die richtige Reihenfolge einzuhalten, obwohl sich seitwärts der Schlange jemand vorbei gedrängelt hatte und mit Blicken und Gesten auf sich aufmerksam machte. In Deutschland führt das meistens zum Erfolg. Vielleicht waren es Zufälle, ich glaube eher nicht.
Diese Grobheit, bewusst zu drängeln, scheint mir in Deutschland sozial eher akzeptabel und von vielen mehr als eine Art von cleverer Durchetzungsfähigkeit betrachtet zu werden – ebenso wie eben das Drängeln auf Autobahnen und Radwegen eben, wie es Martenstein so gut beschreibt.

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Von Ojalá bis Alhambra auf den Spuren der Araber in Spanien

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Spuren und Einflüsse der arabischen Herrschaft in Spanien sind überall bis heute in Architektur und Speisekarte sichtbar (oben ein historisches Foto der “Moros y Cristianos”-Schauspiele in Erinnerung an die arabische Herrschaft und ihre Beendigung durch die Truppen der christlichen Könige, Carboneras, Andalusien)
Vor allem erinnert aber die Sprache in vielen Begriffen und Lauten an den arabischen Einfluss.
Al-Andalus nannten die arabischen Eroberer die Iberische Halbinsel. Die südliche Region Andalusien (Teil meiner kleinen Erkundungstour nach getaner Arbeit im Sprachkurs)
trägt diesen Namen bis heute.

In meinen Spanischstunden stieß ich auf noch mehr Fundstücke aus dem Arabischen – die Wendung “ojalá” zum Beispiel, garniert mit dem kehligen “j”-Rachenlaut.
Dieser lässt das Spanische für meine Ohren generell ziemlich arabisch klingen und gibt ihm seinen eher rauhen Charme.
Auch schon in “jamon” klingt dieser Einfluss für meinen Geschmack an, wenn ich dieses simple Beispiel mal für Freunde der Schinkenstraße wählen darf. “Ojalá” klingt aber weitaus exotischer, eben nach einem arabischen Gebetsruf und drückt im Spanischen einen sehnlichen Wunsch aus (“hoffentlich…”). Tatsächlich handelt es sich um die hispanisierte Form von Inschallah – “so Gott will” – find ich ziemlich faszinierend. “Azucár”, Zucker, ist ein Beispiel für ein Alltagswort aus dem Arabischen. Dabei haben die Spanier den arabischen Artikel “al” praktischerweise gleich mit importiert, das “l” aber wegen Konsonantenhäufung verschluckt. Bei “alfombra”, Teppich, ist das “l” noch da. Und da sind wir sprachlich schon nahe bei der Alhambra in Granada (verzeiht diesen Übergang, Architekturliebhaber), einem der eindrucksvollsten Beispiele für erhaltene arabische Baukunst in Spanien, die ich schon letztes Jahr besucht habe.
Dieses Jahr habe ich mich ausgiebiger den Stränden Andalusiens gewidmet, ein schwerer, eigentlich anfängerhafter Fehler.

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Selbstkasteiung mit Semana Santa und Subjuntivo

Ich bin zurück in Alicante.
Voriges Jahr war ich schon einmal hier für einen Sprachkurs in Spanisch, Niveau A2. Das ist ein Level, auf dem schlimmere Komplikationen noch ausbleiben (für Kenner: namentlich “Subjuntivo” und Pronomenkram).

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Allerdings reduzierte sich mein Kurs (aber nicht der Preis) von fünf Tagen auf vier, weil die Alicantinos am Karfreitag wie Sänften getragene Riesenaltare mit Marienfiguren oder Skulpturen des Gekreuzigten in endlosen Prozessionen durch ihre Stadt schleppen.

Sie machen das übrigens auch in den Tagen vorher und – sogar nachts – bis Ostermontag und das Ganze nennt sich “Semana Santa – heilige Woche”, aber am Karfreitag ist eben auch gesetzlicher Feiertag. das Ganze wirkt auf mich wie ein seltsamer Spuk, religiöse Prozessionen kenne ich ja nur aus meiner (begrenzt katholischen) Kindheit als Ministrant an Fronleichnam.

Das hatte aber eher etwas Fröhliches. Der Semana-Santa-Geist ist ziemlich bedrückend, voller inbrünstig zelebrierter Schuldgefühle, weil der fromme Teil der Spanier im Süden an mittelalterlicher Darstellung von Selbstkasteiung ihre helle Freude zu haben scheint.

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Dazu gehören auch die von manchen Touristen als Cu-Clux-Clan-Mützen identifizierten Kopfbedeckungen.

Die aus der Semana Santa sind aber natürlich deutlich älter als der Cu-Clux-Clan, wirken aber genauso beängstigend. Dafür verteilen die Mützenträger, die sich so einst als Sünder zu erkennen gaben, heutzutage Bonbons an die Kinder – Kamelle, Kamelle, das hat ja wieder was von Karneval in Kölle und mir vertrauten Prozessionen. Was eher nicht an Kölle erinnert: Es ist es vollkommen gewollt, dass das Schleppen der Statuen mit Qualen verbunden ist.

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Ständig müssen die Transporteure ihre Last abstellen. Das wird zu allerlei Musizieren und rituellem Gemurmel genutzt, in Andalusien auch zu herzzerreißenden ekstatischen Gesängen an die Heilige Mutter oder wen die Figur auch immer darstellt (der Gekreuzigte in extrem blutiger Aufmachung ist auch eine beliebte Option).
Aber das war 2013, und nun ist 2014 und auch nicht März, sondern Ende Juli – und was passiert? Als ich ankomme, künden Plakate von neuen Prozessionen, diesmal unter dem Motto “Moros y cristianos”. Bei diesem in Südspanien verbreiteten Brauch – jedes Dorf macht seine eigene Prozession, denn mit einer einzigen ist es auch hier beileibe nicht getan – wird die islamische Herrschaft in Spanien dargestellt und die spätere Schlacht samt Niederwerfung durch die Truppen der christlichen Könige.

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#aufschrei! Sexismus-Debatte im Stile der 70er-Jahre ist so zeitgemäß wie…Sex-Opa Brüderle

Hach, was ist die #aufschrei-Debatte um Sexismus schön – klare, altertümliche Rollenbilder, eindeutig nach Geschlechtern zu trennende Zuschreibungen.  Und dies alles, nachdem Schwerenöter-Altmeister Rainer Brüderle im Stern der losen Zunge gegenüber einer fast 30-jährigen Journalistin überführt wurde. Und ja, liebe #aufschrei-Empörten, das war definitiv eine Respektlosigkeit und Grenzüberschreitung, die man Brüderle vorwerfen kann (auch wenn Zeitpunkt und Machart der Veröffentlichung dermaßen peinlich taktisch – Auflage! Aufmerksamkeit! – motiviert sind….). Die daran anschließende generelle Debatte, wie sie auf Spiegel online derzeit zu besichtigen ist, grenzt das Thema – also Sexismus von Männern gegenüber Frauen – allerdings völlig beliebig ein und ist in dieser Form ja nun auch völlig aus der Zeit gefallen. Auf heutigem Stand der Geschlechter- und Genderdiskussionen so einen ollen Schmu zelebrieren?

Diese ganze Diskussion in alten Grabenkämpfen zwischen Mann und Frau auszutragen, ist  in etwa so zeitgemäß wie Sex-Oppa Brüderle selbst oder der Professor (falls es ihn tatsächlich geben sollte) , der laut Tweet zu einer Studentin in der Prüfung sagte: “Malen Sie mir mal einen Herd an die Tafel. Da gehen Sie besser wieder dran.” Beklagenswert, dass es Tweets wie solche offenbar ungeprüft in die Berichterstattung von Spiegel Online schaffen. Wie wär’s hier mit Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Quelle? Denkt bei Spon irgendjemand auch an Trolle, die die Debatte mit frei erfundenen Beiträgen bereichern? Wo bleiben journalistische Standards in Zeiten des Web, liebe Spiegel-Gruppe?

Die Debatte in diese uralten Bahnen der Frauenemanzipation zu lenken, ist allerdings mein Hauptkritikpunkt an der Berichterstattung.  Das führt zu einer solch reflexhaften, zugleich unreflektierten und billigen Empörung, dass ich nicht nur einen #aufschrei hier absetzen will.

Und in diesem Aufschrei geht es um Klischees, Schubladendenken und ein lächerlich altmodisches Weltbild, das 1970 vielleicht aktuell war. In diesen alten Denkmustern werden Frauen zu Freiwild, die eben erst die Fesseln von Kindern, Küche und Kirche gesprengt haben. Die Debatte liefert so vorhersehbare Reflexe, zu denen der Bild-Zeitung  in den nächsten Tagen prächtige Schlagzeilen einfallen dürften.

Aber auf der Höhe der Zeit wäre die Debatte doch wohl eher, wenn wir uns fragen, ob nicht auch Männer, Kinder, mental eingeschränkte oder alte Menschen  Opfer von Sexismus werden können? Ob diese “Opfergruppen” nicht ebenso schützenswert sind? Ob zum Beispiel junge, in ihrem Wesen noch unsichere Männer nicht manchmal vor bubiverschlingenden Vamps  geschützt werden müssten?

Ich denke gerade nur an die Protagonisten, die Kate Winslet und David Kross in “Der Vorleser” darstellen. Vielleicht hat ja auch der Jüngere seine Position ausgenutzt, als er die geistig schwer verwirrte, ehemalige KZ-Aufseherin um den Finger wickelte? Machtmissbrauch, Machtgefälle – darum geht es, ganz egal, wo und hinter welchen Personen, Geschlechtern, Altersgruppen, Nationalitäten oder Umständen sich dies verbirgt.

Wie wäre es mit einer von Einsamkeit und Verzweiflung getriebenen Frau, nennen wir sie Susanne. Die studierte, sprachlich versierte und und nach Mainstream-Schönheitsidealen eher unattraktive Susanne also lernt in der Kneipe einen der deutschen Sprache nicht mächtigen, eben in Deutschland angekommenen Flüchtling namens Guiseppe kennen. Sie bringt den etwas einfältigen, aber in Susannes Wahrnehmung blendend aussehenden Guiseppe in Abhängigkeit, indem sie ihm allerlei Formalitäten erledigt und dank deutscher Sprachkenntnisse sogar einen Job verschafft. Daraufhin drängt sie sich ihm auf und nutzt seine Gefühle der Dankbarkeit zu einer sexuellen Ännäherung, der sich Guiseppe aus Schüchternheit und befürchteter NAchteile für die weitere Integration nicht zu widersetzen wagt. Was ist das?

Ist das  #aufschrei?? Ist das Sexismus? Ist das Ausländerfeindlichkeit? Ist das vielleicht eine furchtbare Diskriminierung und sexuelle Ausbeutung etwas einfach gestrickter Menschen, die sich nicht wehren können? Sehr richtig heißt es im ansonsten unterirdischen Spon-Artikel “Sexismus-Debatte: Übergriffe sind alltäglich”:  “Es braucht ein Machtgefälle, um Grenzen ungescholten überschreiten zu können.” Sehr richtig. Nur ist dieses Machtgefälle nicht ans Geschlecht gebunden. Also hört bitte schon auf mit dem #aufschrei-Quatsch. Oder weitet #aufschrei aus zu einer #respektlos-Debatte oder #machtmissbrauch-Debatte. Nur ließen sich damit halt nicht so hübsch Schlagzeilen machen und eine völlig verfehlte, hirnrissig aufgeblasene und moralinsauer-altmodische Debatte führen, die Klickzahlen in die Höhe treibt.

Schön und gut, was der Stern-Reporterin widerfahren ist, das ist eine unangemessene Grenzüberschreitung und – etwas tiefer gehängt – schlichtweg eine Respektlosigkeit, die als solche bezeichnet und dem Urheber gegenüber kritisiert gehört. Ausgerechnet Kanzlerin Merkel liefert dazu einen beschwichtigenden  Beitrag, der die vor allem auf Spiegel online reichlich übermäßig moralisch aufgeladene Debatte klug zurechtrückt: “Sie ließ ihren Sprecher mitteilen, dass sie für einen menschlich professionellen und respektvollen Umgang stehe – ausdrücklich auch zwischen Politikern und Journalisten”, steht in Spon.

 

 

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