Tschüs, Tageszeitung! Vierte Schwarm-Gewalt im Staat, übernimm Du? Öffentlich-rechtliche Tageszeitung, hallo?

Erst Frankfurter Rundschau,
jetzt noch Financial Times Deutschland, zudem droht Gruner + Jahr mit Kahlschlag
…die Print-Gruselmeldungen reißen nicht ab.

Nüchtern betrachtet gilt für die gedruckten Tagesmedien: Das Modell “Tagesrückblick – nur 12 Stunden zu spät” ist am Ende, wie viele Kommentatoren in ähnlicher Form schreiben, treffend für meine Begriffe.  Was jetzt unter der Schwelle der Verlagshäuser durchkriecht, ist die vielbeschworene Medienkonvergenz, das Zusammenwachsen von Geschriebenem, Audio und Video über Tablet und Smartphones.

Das hat natürlich Konsequenzen für künftige Informationsvermittlung. Es wird eine Konzentration geben auf die verschiedenen nutzwertigen Angebote (Information aus den klassischen Ressorts und vielen weiteren Nischen, Einordnung, Alltags-Nutzwert) die hinter Tageszeitungen stecken – und die Aufteilung auf verschiedene, spezialisierte Services. Dieser Gemischtwarenladen Tageszeitung wird in Zukunft ebensowenig funktionieren wie das “Vollprogramm” eines Fernsehsenders. Was nun?

Es  braucht neue Modelle, um unabhängige publizistische Stimmen zu finanzieren. Und das öffentlich-rechtliche Gebührenmodell wird wohl leider, leider nicht für Zeitungen aufgezogen. Hätte was für sich – ‘ne Art “Zeitungs-GEZ-Gebühr”für alle, die ‘nen Briefkasten haben. Aber genug gescherzt.
Das Solidaritätsabo der FR, wie es am Samstag als Angebot in der FR auftauchte,  wird wohl eher nicht fruchten. Dazu hab ich schon in meinem ersten FR-Post geschrieben: Auch die FR könnte ganz theoretisch ja über ein Genossenschaftsmodell wie die taz nachdenken – dazu hat sie aber  zu viele bürgerliche Leser, denen nicht der Sinn nach solchen Lösungen steht. Natürlich finde ich aber die Situation für die Kollegen in Frankfurt-Sachsenhausen ganz, ganz bitter. Ihre Schuld ist es nun mal eben nicht, dass das alte Geschäftsmodell der Verleger und ihrer Kaufleute am Ende ist.

Eine besonders schützenwerte Einrichtung ist für mich das Modell “qualitätsvoller, vielleicht sogar investigativer Text plus sauteure ganzseitige Waschmittel- oder Luxusauto-Anzeige in 4c daneben” aber auch nicht eben. Daraus resultierten bei Tageszeitungen ja bereits 50 Prozent Querfinanzierung des unabhängigen Journalismus, der von den meisten deutschen Verlegern ja wohl immer noch verfolgt wird – bei variierender Renditeerwartung, versteht sich.

Die heutigen Blogger allein werden die Rolle als demokratische Kontrollinstanz sicher nicht (allein) ausfüllen können. So etwas wie die vierte Schwarmgewalt im Staat wäre zwar ein schöner Gedanke. Aber dafür werden die ehrenamtlichen Kapazitäten nicht ganz reichen.

Doch einige Blogger könnten sich professionalisieren, von Verlagen beschäftigt oder gar ganz eigene Publikationen und journalistische Marken werden – wie bei Netzpolitik.org schon zu beobachten.

Die Tageszeitungen und auch gedruckte Zeitschriften der Republik bieten allerdings immer noch einen Zusatznutzen, für den ich keine Entsprechung im Internet sehe: Bestätigung im eigenen bürgerlichen Selbstverständnis für eine breite Masse, Identifikation – über das Gefühl, allein durch den Abokauf zu einer Gemeinschaft z.B. linksliberaler, sozial engagierter Bürger zu zählen – wofür wohl in etwa die Frankfurter Rundschau steht.

Das ist ein Bedürfnis, das die Tageszeitung erfüllt hat, sie ist und war auch für viele eine Art bildungsbürgerliches Statussymbol, wie es Twitter oder auch Fach-Communities  im Internet noch nicht vermögen – von Facebook ganz zu schweigen. Hier sehe ich Chancen. Dieser Nutzen muss neu vermittelt  werden, muss neue Ausdrucksformen finden als es das Print-Abonnement heute bietet.

Ein gefühlter Zusatznutzen von akademischer Elite und Bildungsbürgertum  steckt meinem Gefühl nach für viele etwa in der Marke “Die Zeit” – früher noch viel mehr und ausschließlicher als heute. Als Wochenzeitung mit diesem offenbar erstrebenswerten Charakter – und mit handwerklich inzwischen wirklich gut gemachtem Journalismus – ist sie ein sehr erfolgreicher Printtitel, vollkommen gegen den sonstigen Trend.

“Die Zeit” versucht diesen Charakter / Zusatznutzen dann ja auch durchaus mehr als andere umzumünzen: Vortragsreihen, Seminare. Universität der Leser? Bietet ”Die Zeit” schon an mit “Seminar”/Weiterbildungs-Programmen zu Themen aus einem bildungsbürgerlichen Kanon oder aus universitären Inhalten. In diese Richtung könnte vielleicht ja auch die Reise gehen für tagesaktuelle Medien – Online-Bürgeruniversität mit qualitätsvollem Austausch über aktuelle Tagesthemen im Bürger-Newsroom.

Wie wäre es, über folgendes Modell für die Frankfurter Rundschau nachzudenken, deren Leser gegenüber sozialem Engagement aufgeschlossen sind:
Crowdfunding
– und für Ältere eine Art 3D-Crowdfunding vor Ort im Verlagshaus, das ja ein moderner Bürgertreffpunkt werden könnte – im Sinne von Lebenshilfe für sozial Benachteiligte bei publizistischer Begleitung auf welchem Kanal auch immer – Print, Internet. Daran werden politische Interessensgruppen / Parteien beteiligt – oder diese werden sich selbst aufdrängen. Dass man Sponsoren mit ins Boot holen muss, dazu passende Werbeformen finden muss, die für die Wirtschaft attraktiv sind, um wiederum Querfinanzierung der möglichst unabhängigen Kontrollfunktion zu betreiben, ist mitgedacht.

Das wäre eine Art Bürger-Matchmaking – die Zeitung wandelt sich zur Plattform für bürgerschaftliche und soziale Beteiligung. Dass es dafür Bedarf gibt in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, zeigen die Demonstrationen zu Stuttgart 21 – von vielen Ruheständlern mitgetragen – ja ebenso wie die Proteste gegen die neue Landesbahn des Frankfurter Flughafens.
Beschäftigt die “Wutbürger”, die zu Eurer Zielgruppe gehören, bindet sie ein, bietet ihnen Foren und gebt ihnen Werkzeuge an die Hand, politisch Einfluss zu nehmen. Dann wäre schon die Bereitschaft da, dafür auch finanzielle Solidaritätsbeiträge zu leisten.

Ob sich daraus Erlöse wie zu seligsten Printzeiten erwirtschaften lassen?  Keiner weiß…aber  der Kuchen wird ganz neu verteilt. Was nicht zum Nachteil der Urheber/Autoren sein muss…wenn sie ihre Interessen wahrnehmen.

 

About Frank Wewoda

Journalist
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