#aufschrei! Sexismus-Debatte im Stile der 70er-Jahre ist so zeitgemäß wie…Sex-Opa Brüderle

Hach, was ist die #aufschrei-Debatte um Sexismus schön – klare, altertümliche Rollenbilder, eindeutig nach Geschlechtern zu trennende Zuschreibungen.  Und dies alles, nachdem Schwerenöter-Altmeister Rainer Brüderle im Stern der losen Zunge gegenüber einer fast 30-jährigen Journalistin überführt wurde. Und ja, liebe #aufschrei-Empörten, das war definitiv eine Respektlosigkeit und Grenzüberschreitung, die man Brüderle vorwerfen kann (auch wenn Zeitpunkt und Machart der Veröffentlichung dermaßen peinlich taktisch – Auflage! Aufmerksamkeit! – motiviert sind….). Die daran anschließende generelle Debatte, wie sie auf Spiegel online derzeit zu besichtigen ist, grenzt das Thema – also Sexismus von Männern gegenüber Frauen – allerdings völlig beliebig ein und ist in dieser Form ja nun auch völlig aus der Zeit gefallen. Auf heutigem Stand der Geschlechter- und Genderdiskussionen so einen ollen Schmu zelebrieren?

Diese ganze Diskussion in alten Grabenkämpfen zwischen Mann und Frau auszutragen, ist  in etwa so zeitgemäß wie Sex-Oppa Brüderle selbst oder der Professor (falls es ihn tatsächlich geben sollte) , der laut Tweet zu einer Studentin in der Prüfung sagte: “Malen Sie mir mal einen Herd an die Tafel. Da gehen Sie besser wieder dran.” Beklagenswert, dass es Tweets wie solche offenbar ungeprüft in die Berichterstattung von Spiegel Online schaffen. Wie wär’s hier mit Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Quelle? Denkt bei Spon irgendjemand auch an Trolle, die die Debatte mit frei erfundenen Beiträgen bereichern? Wo bleiben journalistische Standards in Zeiten des Web, liebe Spiegel-Gruppe?

Die Debatte in diese uralten Bahnen der Frauenemanzipation zu lenken, ist allerdings mein Hauptkritikpunkt an der Berichterstattung.  Das führt zu einer solch reflexhaften, zugleich unreflektierten und billigen Empörung, dass ich nicht nur einen #aufschrei hier absetzen will.

Und in diesem Aufschrei geht es um Klischees, Schubladendenken und ein lächerlich altmodisches Weltbild, das 1970 vielleicht aktuell war. In diesen alten Denkmustern werden Frauen zu Freiwild, die eben erst die Fesseln von Kindern, Küche und Kirche gesprengt haben. Die Debatte liefert so vorhersehbare Reflexe, zu denen der Bild-Zeitung  in den nächsten Tagen prächtige Schlagzeilen einfallen dürften.

Aber auf der Höhe der Zeit wäre die Debatte doch wohl eher, wenn wir uns fragen, ob nicht auch Männer, Kinder, mental eingeschränkte oder alte Menschen  Opfer von Sexismus werden können? Ob diese “Opfergruppen” nicht ebenso schützenswert sind? Ob zum Beispiel junge, in ihrem Wesen noch unsichere Männer nicht manchmal vor bubiverschlingenden Vamps  geschützt werden müssten?

Ich denke gerade nur an die Protagonisten, die Kate Winslet und David Kross in “Der Vorleser” darstellen. Vielleicht hat ja auch der Jüngere seine Position ausgenutzt, als er die geistig schwer verwirrte, ehemalige KZ-Aufseherin um den Finger wickelte? Machtmissbrauch, Machtgefälle – darum geht es, ganz egal, wo und hinter welchen Personen, Geschlechtern, Altersgruppen, Nationalitäten oder Umständen sich dies verbirgt.

Wie wäre es mit einer von Einsamkeit und Verzweiflung getriebenen Frau, nennen wir sie Susanne. Die studierte, sprachlich versierte und und nach Mainstream-Schönheitsidealen eher unattraktive Susanne also lernt in der Kneipe einen der deutschen Sprache nicht mächtigen, eben in Deutschland angekommenen Flüchtling namens Guiseppe kennen. Sie bringt den etwas einfältigen, aber in Susannes Wahrnehmung blendend aussehenden Guiseppe in Abhängigkeit, indem sie ihm allerlei Formalitäten erledigt und dank deutscher Sprachkenntnisse sogar einen Job verschafft. Daraufhin drängt sie sich ihm auf und nutzt seine Gefühle der Dankbarkeit zu einer sexuellen Ännäherung, der sich Guiseppe aus Schüchternheit und befürchteter NAchteile für die weitere Integration nicht zu widersetzen wagt. Was ist das?

Ist das  #aufschrei?? Ist das Sexismus? Ist das Ausländerfeindlichkeit? Ist das vielleicht eine furchtbare Diskriminierung und sexuelle Ausbeutung etwas einfach gestrickter Menschen, die sich nicht wehren können? Sehr richtig heißt es im ansonsten unterirdischen Spon-Artikel “Sexismus-Debatte: Übergriffe sind alltäglich”:  “Es braucht ein Machtgefälle, um Grenzen ungescholten überschreiten zu können.” Sehr richtig. Nur ist dieses Machtgefälle nicht ans Geschlecht gebunden. Also hört bitte schon auf mit dem #aufschrei-Quatsch. Oder weitet #aufschrei aus zu einer #respektlos-Debatte oder #machtmissbrauch-Debatte. Nur ließen sich damit halt nicht so hübsch Schlagzeilen machen und eine völlig verfehlte, hirnrissig aufgeblasene und moralinsauer-altmodische Debatte führen, die Klickzahlen in die Höhe treibt.

Schön und gut, was der Stern-Reporterin widerfahren ist, das ist eine unangemessene Grenzüberschreitung und – etwas tiefer gehängt – schlichtweg eine Respektlosigkeit, die als solche bezeichnet und dem Urheber gegenüber kritisiert gehört. Ausgerechnet Kanzlerin Merkel liefert dazu einen beschwichtigenden  Beitrag, der die vor allem auf Spiegel online reichlich übermäßig moralisch aufgeladene Debatte klug zurechtrückt: “Sie ließ ihren Sprecher mitteilen, dass sie für einen menschlich professionellen und respektvollen Umgang stehe – ausdrücklich auch zwischen Politikern und Journalisten”, steht in Spon.

 

 

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ARD/ZDF verlieren als gebührenfinanzierte Werbeplattformen ihre Existenzberechtigung!

Meine Weihnachts- und Neujahrspause endet mit einer Überraschung: Der Säulenheilige des öffentlich-rechtlichen Zweiten Deutschen Fernsehens, Thomas Gottschalk, wird von seinem Sockel gestürzt. Und der Sturz kratzt ziemlich am Image und der Glaubwürdigkeit des ZDF.

Die sich entspinnende Debatte ist für die Öffentlich-Rechtlichen gerade leicht fatal, rückt sie doch ein lange bereits offensichtlich zutage tretendes Problem in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit: Es gibt eine Glaubwürdigkeitskrise der Sender ARD und ZDF, die einerseits Gebührengelder/Haushalts-Zwangsabgabe kassieren, andererseits dann aber die Werbewirtschaft mit ins Boot holen, den Privatsendern so das Wasser abgraben. Und zum Grundversorgungsauftrag gehört es eher nicht, einen inzwischen in die USA abgewanderten, eher im Herbst seines Berufslebens befindlichen deutschen Starmoderator um jeden, aber offenbar auch wirklich JEDEN Preis auf Sendung zu bekommen.

So bot sich das ZDF nun offenbar willig als Sponsoren-Werbeplattform (nach 20 Uhr) an mit maßgeblicher PR-Unterstützung durch den Starmoderator selbst und damit auch durch dessen Redaktion – diesen Schluss legt die Spiegel-Berichterstattung vom 14.01.2013 nahe. Ziel: Extra-Beträge zu erwirtschaften, die womöglich (oder wahrscheinlich?) in Gottschalksche Taschen fließen. Dabei ist eine Firma im Spiel, die der Bruder gegründet hat. Das Geld bleibt so wohl in der Familie, diesen Schluss legt die Berichterstattung nahe.

Vermeintlich dient diese Extra-Einnahmequelle dazu, die Lücke zwischen (gefühltem??) Marktwert von Gottschalk und seiner offiziellen Vergütung zu schließen. Das stinkt zum Himmel, weil die vom ZDF aus Gebührengeldern (ob direkt oder indirekt über Produktionsfirmen etc.) geleisteten Vergütungen für Gottschalk ja nun nicht gerade mitleiderregend sein dürften.

Folgender Kommentar des Perlentaucher-Machers Thierry Chervel über die allgemeine Sinnhaftigkeit der Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender, veröffentlicht im Springer-Medium “Welt”, sprach mir gestern aus der Seele: “Artenschutz für einen fettleibigen Staats-Apparat”.

Was für ein intelligentes Alternativ-Szenario Chervel entwirft, wenn er schreibt: Statt GEZ-Gebühr/Haushalts-Beitrag für die Öffentlich-Rechtlichen zu verwenden, könnte man “[…] ebenso gut […] etwa Fonds für investigativen Journalismus schaffen, auf die sich Medien aller Genres bewerben könnten. Ausschreibungen für Medienprojekte wären denkbar, weil sie den Markt einschließen, […]Die Diskussion ist überfällig. Dafür brauchen wir aber auch Politiker, die fähig wären, sich in der Machtfigur der Öffentlich-Rechtlichen nicht nur zu spiegeln, sondern ihr ins Gesicht zu blicken.”

Am 18.11. hatte ich in einem Post schon mal eigentlich scherzhaft geschrieben: “Es braucht neue Modelle, um unabhängige publizistische Stimmen zu finanzieren. Und das öffentlich-rechtliche Gebührenmodell wird wohl leider, leider nicht für Zeitungen aufgezogen. Hätte was für sich – ‘ne Art “Zeitungs-GEZ-Gebühr”für alle, die ‘nen Briefkasten haben. Aber genug gescherzt.” Vielleicht ist der vermeintliche Scherz ja bald realer, als wir jetzt noch glauben?

Der Hintergund zum Ganzen: Am Montag veröffentlichte der Spiegel seine investigative Geschichte, derzufolge Thomas Gottschalk in kongenialer Gewinnmaximierungs-Zusammenarbeit mit seinem Bruder jahrelang üppige Zulagen zu seinem hach so mickrigen öffentlich-rechtlichen Moderations-Honorar erwirtschaftet haben könnte.

Der Hebel dafür waren verdeckte Verträge mit anrüchigen Product-Placement-Regianweisungen – bevorzugt von Herstellern teurer deutscher KfZ-Markenfabrikate. Die detaillierten Regelungen zur kameragerechten Platzierung zur Verlosung stehender Autos waren verborgen in einem Vertrags”anhang” oder ähnlichen Zusätzen. Die Verträge schloss die Firma von Gottschalks Bruder mit Audi und anderen Firmen ab – und diese bezogen sich, so legt es die Spiegel-Berichterstattung nahe, Printausgabe vom 14.1.2013, zum Schein auf Lizenznutzungsgebühren für das “Wetten dass”-Logo und “Wetten Dass”-Stills und Ähnliches, zum Beispiel in Audi-Autohäusern. Tatsächlich ging es ums Audi-Product-Placement in der Live-Sendung “Wetten dass…”. Im Gegenzug flossen dafür laut Spiegel die angesprochenen Lizenzgebühren in die Taschen der Bruderfirma Gottschalks, aber als Add-On überließ Audi auch beispielsweise Thomas Gottschalk persönlich einen Audi R8 zur Nutzung.

Abgesehen vom ethischen Abgrund, der sich bei Gottschalks auftut, münden diese Spiegel-Enthüllungen vor allem nun in eine generelle Debatte um redaktionelle Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. Denn dafür kassieren diese ja rund 8 Mrd. Euro im Jahr, soweit ich es gerade recht im Kopf habe. Und angesichts der Krise der Printmedien – Financial Times Deutschland eingestellt, Gruner+Jahr zieht sich massiv aus der Wirtschaftsberichterstattung zurück, Frankfurter Rundschau womöglich vor der Einstellung oder Schrumpfung auf lokales Niveau – stellt sich nun natürlich die Frage, warum die Bürger seit 2013 per Haushalts-Zwangsabgabe mit mehr als 200 Euro zur Kasse gebeten werden, um Unabhängigkeit und Staatsferne zweier Sender zu gewährleisteten, die offenbar munter das Gegenteil machen und redaktionelle Sendeminuten meistbietend an die Wirtschaft verschachern – über Unterhändler mit dem Namen Gottschalk, versteht sich. So geben sich die Sender zwar (bedingt) staatsfern – bedingt, weil der Einfluss der Politik auf die Intendantenwahl zuletzt etwa beim ZDF schön zu besichtigen war –  aber dafür äußerst wirtschaftsnah, wenn sie sich z.B. von der Audi-Marketingabteilung redaktionell lenken lassen. Natürlich will das ZDF von nichts gewusst haben, hat die Verträge angeblich nie gesehen, die die Firma von Gottschalks Bruder als Unterhändler abgeschlossen hat. Das können sie allerdings meiner Oma erzählen. Trotzdem gewinnt die Affäre durch diesen Kniff nicht die ganz große Schlagkraft, die das ZDF wirklich erschüttern könnte. Gut getrickst, Gottschalk-Brothers, könnte man sagen. Getrieben von Gier oder berechtigter Sorge um Unterbezahlung? Jeder möge seine eigenen moralischen Maßstäbe anlegen.

Um es nochmal zu betonen: ARD und ZDF erhalten die Gebührengelder der Bürger ausdrücklich, um ihren Grundversorgungsauftrag in “Staatsferne” zu erfüllen, also zur Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit gegenüber Verwaltung und Politik.  Das mag ihre Position als vierte Gewalt im Staate stärken, wie es zumindest die Intendanten selbst immer gerne darstellen, die sich natürlich als systemrelevant für die Demokratie definieren. Vielleicht sollte man nun endlich ausdrücklich “Wirtschaftsferne” in die Prinzipien der Öffentlich-Rechtlichen mit aufnehmen?

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Fremdscham, lass nach. FTD sagt zum Abschied leise: “Sorry, dass wir die Besten waren!”

Die Financial Times Deutschland ist heute zum letzten Mal erschienen, schluchz.

Tschüs, gedruckte Qualitätsblätter

Foto: NiceBastard (CC: BY-NC-SA)

Die Titelseite macht auf melodramatisch, ist ganz in schwarz gehalten, der Zeitungskopf trägt einige Buchstaben zu wenig und macht deshalb  aus der Financial Times Deutschland eine Final Times, haha.  Erinnert mich irgendwie an unsere Schülerzeitung (die hieß Eintopf – die letzte Ausgabe dann K-Eintopf).

Die drei Chefredakteure richten etwas weniger selbstmitleidige, dafür erstaunlich selbstzufriedene letzte Worte an die Leser.

Sorry, irgendwie werde ich EURE eitle Dreifaltigkeit nicht vermissen. Vielleicht tu ich Euch aber auch unrecht und diese supersympathische Selbstbespiegelung, in nur ganz wenig affektierter ironischer Entschuldigungsform (Sorry, dass wir die Besten der Besten waren!) musste der allerletzte Praktikant schreiben, während ihr, meine Lieben, die heiligen Redaktionsreserven an Trinkbarem leergetankt habt. Sorry, dass ich so kritisch bin mit Euch. Entschuldigung, mein Gehirn ist einfach zu groß und hat in den Regionen für Fremdschämen ganz besonders viele Windungen. Sorryyyyy!!!!!

Kollege Heusinger von der Frankfurter Rundschau findet ein paar treffende, mit nur mildem Spott versetzte Worte zum letzten Geleit: “Ein dreifacher Dank, liebe FTD.”
Mir fallen spontan auch einige unglaublich spritzige Abschiedszeilen ein: Hoch soll se lebe, wolle m’r se rauslasse,  tätätätä.

In der Diskussion um die insolvente Frankfurter Rundschau macht das Gerücht dir Runde, sowohl die Frankfurter Allgemeine als auch die Süddeutsche seien zumindest an der Aboadressdatei der FR interessiert, was ja ziemlich plausibel klingt. Der Verlag der Süddeutschen denkt angeblich über eine Frankfurt-Ausgabe nach.

Ich bin als aktueller FR-Leser nun in einiger Sorge, also vor allem darüber, dass ich bald die “Zeitung für Deutschland” als “Zeitung für Sachsenhausen” in meinem Briefkasten finden könnte.

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LOBOisierung der deutschen Presse? Oder heißt die neue Chefredakteurin künftig Public Relations?

Die vollkommene Demokratisierung und “Schwarm”-isierung der deutschen Presselandschaft wird nicht kommen, ich bin mir sicher. Doch wer oder was folgt auf die heutigen Verlage, die in der Bündelung von publizistischem Einfluss zusehends an Einfluss verlieren, sich aber ja auch neu erfinden oder der Situation anpassen könnten wie so oft schon in der Vergangenheit? Schlau ist es, die meistgelesenen Blogger unter Vertrag zu nehmen – was Spon ja auch schon mit Lobo&Co. macht. Das sind Blogger, die eine eigene Marke sind. Ob man sie nun gut oder verdammenswert findet.

Trotzdem fürchte ich durchaus – gerade im Zusammenhang  mit aktuellen Ereignissen wie der gestern verkündeten Massenentlassung von Redakteuren bei der bald eingestellten Financial Times Deutschland  –  dass eine breite Masse an Leuten, die qualitätsvolle Texte und damit verbundene Services schafft, nicht mehr angemessen entlohnt wird. Dieses Schicksal droht den vormals fest angestellten Redakteuren jedenfalls ganz schnell nach Verlags- bzw. Objektpleiten – die werden mit offenen Armen empfangen von PR-Agenturen, Marketingabteilungen im Mittelstand etc. Wenn sie ihre Gehaltsvorstellungen hübsch herunterschrauben, abgesehen von einigen Edelfedern, die vielleicht gleich die Chefposition in PR-Abteilungen übernehmen können. Vorausgesetzt, sie sind nicht zu kapitalismuskritisch.

Damit verschieben sich die Gewichte weiter zu Public Relations als eine Informations-Hauptquelle für viele Menschen, wenn ich sehe, wie Anzeigenblätter vielfach die Funktion der Tageszeitung ersetzen – besonders verbreitet in Frankreich und der Schweiz, wo es diese Gratis-Zeitungen in der Metro und anderswo  gibt, 20 Minutes und wie sie alle heißen.  In Deutschland wurde eine Gründung in ähnlicher Weise ja stets erwartet – in Stuttgart zum Beispiel, wo ich zumindest aus erster Hand weiß, dass die Tageszeitungsverlage einen Krisenreaktionsplan in der Schublade hatten (und wohl immer noch haben),  mit dem sie innerhalb von wenigen Tagen eine eigene Gratiszeitung auf den Markt werfen könnten, um nach BWL-Logik  “die Vertriebskanäle zu verstopfen”. D.h. sie würden Anzeigen selbst abschöpfen, noch bevor 20 Minutes oder ein anderes Blatt nach diesem Strickmuster den Markt versaut – d.h. Billigredakteure einsetzt (was die alteingesessenen Verlagshäuser womöglich gar nicht bedauern würden), Anzeigen zu Dumpingpreisen unters Volk bringt (was das eigentliche Problem wäre für die alten Platzhirsche) etc. pp.

Die entscheidende Frage wird sein, vor wessen Karren sich die Autoren/Urheber des wirklich wertvollen, am Markt gut verkäuflichen Content künftig spannen lassen –  Zwischenbemerkung: ich hoffe jedenfalls, dass es gut verkäuflichen geschriebenen Content in Zukunft noch geben wird…. –
Ein weiterer Hoffnungsschimmer für Autoren/Urheber könnte sein, dass sie bei neu entstehenden Vermarktungsmodellen stärker an den Erlösen beteiligt werden. Wie sich die Gewichte weg von Verlagen hin zu neuen Playern am Markt verschieben können, erweist sich gerade ja schon bei Amazon: siehe -“Amazon liebt Autoren” aus der Zeit. Ob das am Ende gut für Autoren ist, wage ich zu bezweifeln. Man könnte auch analog zu den Belletristik-Autoren die Prekarisierung der heutigen Tageszeitungsjournalisten befürchten, für die künftig ähnlich lausig wenig abfallen könnte wie heutzutage bereits für Übersetzer und eben eine große Masse an Buchautoren von Werken, die sich durchschnittlich verkaufen am Markt (abgesehen von absoluten Bestseller-Autoren, meine ich).

Die einzige Antwort darauf kann nur lauten: Blogger, macht Eure Marke zu Geld. Oder baut Euch mal ne Marke auf.

Die völlige Ökonomisierung und Loboisierung der deutschen Presse hat womöglich begonnen. Was ich bedauern würde. Wobei Lobo recht hat mit seiner These: Der Nachrichtenprozess duldet keinen Stillstand, alles fließt!

 

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FR-Insolvenz ein Schock? Die Rezepte der Kaufleute sind gescheitert, nicht die der Journalisten

Als Redakteur, der (noch hauptsächlich) mit Print groß geworden ist – und natürlich als Abonnent und Nachbar in Frankfurt-Sachsenhausen, nimmt mich die Insolvenz der Frankfurter Rundschau natürlich mit. Sicher kommt diese nicht gänzlich überraschend. Trotzdem dachten (und denken wohl immer noch viele), dass eine so traditionsreiche journalistische Marke niemals sterben kann. Einleuchtend ist die Analyse von Zeitungsforscher Horst Röper: “Die Schwierigkeit war, eine Zeitung überregional zu führen, die aber überregional nicht die große Leserschaft hatte, also eigentlich im Kern eher eine regionale Zeitung ist; diese aber bundesweit anbieten zu müssen, mit einem dementsprechenden Kostenapparat.”

Die nüchternen Zahlen sprechen eine klare Sprache. Der HR hat hier die Fakten und die Momentaufnahmen der letzten Jahre chronologisch zusammengestellt: 1998: Die verkaufte Auflage liegt bei 187.869. Im dritten Quartal 2012 lag die Auflage der sechs Mal pro Woche erscheinenden Zeitung laut Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) bei 117.996…

Als gebürtiger Ludwigsburger, der seine ersten 23 Jahre im Stuttgarter Raum und seine  ersten Berufsjahre auch in Redaktionen im Stuttgarter Speckgürtel verbracht hat, kam ich über einen befreundeten Lehrer erstmals mit der FR in Kontakt – das war etwa im Jahr 1999 – in den guten alten Zeiten sozusagen. Er, Jahrgang 1948, war treuer Abonnent. Er wechselte erst etwa im Jahr 2010 zur taz, soweit ich mich erinnere. Wir trafen uns fast jedes Wochenende – und oft lasen wir gemeinsam in der FR. Ich erinnere mich, wie er jahrelang den Frankfurter Lokal-/Regionalteil nach dem Gang zum Briefkasten als Erstes in die Mülltonne warf. Allerdings wuchs dieser Teil beharrlich. Ich erinnere mich an ein gewisses Murren – den treuen Abonnenten konnte das aber nicht wirklich schockieren.

Der Meinungsumschwung bei meinem Freund kam, so habe ich das persönlich empfunden, nach dem Mai 2004. Zu diesem Datum vermerkt die HR-Chronologie: “Die SPD-eigene Medienholding DDVG übernimmt 90 Prozent der Anteile am Druck- und Verlagshaus und bewahrte die Zeitung damit vor der Pleite”. Dies drückte sich redaktionell leider dermaßen offensichtlich negativ aus, dass ich zu dieser Zeit auch schon kurz vor der Abbestellung stand.

Ich erinnere mich, wie mich – gefühlt – jeden zweiten Tag auf Seite 3 oder 5 ein anderes, über die Maßen bekanntes Gesicht aus der politischen Führungsriege  der SPD feist angriente. Die Redakteure erhielten offenbar nur noch bei angemessener Hofberichterstattung von der alten Dame SPD ihr volles Gehalt überwiesen –  ein Sündenfall.

Letztlich trieb vor allem dieser Umstand den Lehrer-Freund in die Arme der taz. Dort liest er bis heute ziemlich zufrieden….Auch die FR könnte über ein Genossenschaftsmodell wie die taz nachdenken – doch der Ruf im linken Lager ist dazu nach meinem Gefühl zu stark ramponiert. Die FR ist im Mainstream der publizistischen Meinungsäußerung dafür bereits viel zu austauschbar geworden.  Daran ist die SPD-eigene Medienholding DDVG meinem Gefühl nach nicht ganz unschuldig.

Zudem ist die lokale/regionale Leserschaft in und um Frankfurt natürlich viel zu bürgerlich für ein Genossenschafts-Modell. Das Hemd ist einem da näher als der Rock – es gibt viele Krokodilstränen und auch ehrliche Betroffenheit wegen der Insolvenz – beispielsweise vom SPD-Oberbürgermeister Feldmann –  aber letztlich wird man sich über den üblichen Abonnementspreis hinaus nicht finanziell engagieren. Das ist schade. Aber ich sehe  bei der FR auch keine Unverwechselbarkeit mehr bis auf das Tabloid-Format – das ich übrigens sehr, sehr schätze. Bei der älteren Leserschaft hat die Umstellung auf dieses handliche Format dagegen – ich habe wieder den Freund Jahrgang 1948 vor Augen –  die Entfremdung stark beschleunigt. Letztlich ist die FR jedoch kein Sonderfall unter den Abo-Zeitungen in Deutschland. Sich auflösende traditionelle Milieus, beruflich erzwungene Mobilität über Landes- und Nationengrenzen, damit einhergehend aber auch die Abbestellung der Abozeitung  –  plus die Lesegewohnheiten der “Generation Y”, der nach 1982 Geborenen, die außerhalb der Schule oft kein Printprodukt anfassen: das alles ist eine gefährliche Mischung für alle Printtitel.

Die Abwärts-Spirale kommt über Einsparungen bei der Redaktion, damit schwindende redaktionelle Qualität, daraus folgende schwindende redaktionelle Unabhängigkeit, verstärkte inhaltliche Einflussnahme aus dem kaufmännischen Bereich  – so richtig in Schwung. Sie kann weitere Zeitungen und Zeitschriften die Existenz kosten. Redaktionelle Unverwechselbarkeit und redaktionelle Unabhängigkeit werden in Internetzeiten noch viel wichtiger, wenn gänzlich unabhängige Stimmen im Web auftauchen, die keinen wirtschaftlichen Interessen gehorchen, sondern nur der Logik der originellsten,  interessantesten, begehrtesten Meldung oder Meinungsäußerung. Das stärkt den Journalismus – gleichzeitig braucht er aber angesichts stark abnehmender Bedeutung der Printwerbung neue Finanzierungsquellen.

Mit den üblichen Rezepten aus dem kaufmännischen Bereich der Verlagswelt ist die Krise bei den Printtiteln jedenfalls nicht zu lösen. Der einzelne Journalist wird vielmehr als Unternehmer gefordert sein. Dass die übliche Bezahlung laut Tarifvertrag so von vielen nicht erzielt werden kann, liegt aber auch auf der Hand. Es sind spannende Zeiten.

 

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