“Dann tut sich der Orient auf!”

Kleine Wegzehrung über die Feiertage …

#Turrón dient als “kleine” Wegzehrung über die Feiertage in Spanien, denn das “Erbe der Mauren ist süß” : Allen Varianten gemeinsam ist eines: Sie sind so lecker wie kalorienreich. Der “türkische Honig” hierzulande fristet da vergleichsweise ein Schattendasein. Wem es zu süß wird, für den gibt es Hoffnung laut des Artikels von Inge Ahrens: Für Paco Torreblanca […]darf ein guter Turrón “nicht zu süß sein”. Deshalb schwört er auf Marcona-Mandeln, Orangen- oder Mandelblütenhonig und Gewürzen aus dem Morgenland : „Dann tut sich der Orient auf.“

Silvesterflucht

Prosit! So zufrieden wie mit den Feiern an Silvester in meiner Kindheit war ich danach nie mehr, muss ich gestehen. Das ist leider so, seit die seligen Tage vorbei sind, als Knallfrösche, Feuerfontänen, Kracher oder – besonders toll: Luftheuler – mein Herz höher schlagen ließen. Von da ab wurde der Silvesterabend immer zäher. Raclette, Bleigießen, Siedler von Catan und andere Brettspiele – ich habe wirklich alles versucht.

Es gibt Leute, die haben mit Brettspielen unendlich viel Spaß. Angeblich! Photo: Zac Zellers (CC BY 2.0)

Besonders schlimm habe ich eine Teenagerfeier in Murr in Erinnerung. An deren Ende schloss sich ein Mädchen wegen eines Kumpels von mir heulend im Bad ein, die Kelly Family schallte aus den Lautsprecherboxen, das Flaschendrehen (ich hoffe, die Jüngeren machen da heute irgendetwas Besseres im Internet) wollte die Zeit nicht so recht ausfüllen. Daher standen eben romantische Verwicklungen im Vordergrund, die mich noch im Rückblick so quälen, dass ich lieber voraus schaue.

Weil es mit den Silvesterabenden nicht so richtig besser wurde – okay, nett war es in meinen Zwanzigern einmal im Stuttgarter Westen, als die rauchenden Gäste, während sich die Sekt- und Bierflaschen immer schneller leerten, trotzig beschlossen, im neuen Jahr so viel zu rauchen wie nie zuvor. Doch wer hält das schon Jahr für Jahr durch! So habe ich vor sieben Jahren einen radikalen Schnitt gemacht. Seit damals buche ich zum Jahreswechsel einen Flug nach Mallorca, verbringe Silvester – nein, nicht am Ballermann –, sondern bei Spaniern in der Hauptstadt Palma.

Dort beginnen die Feiern regelmäßig erst um 22 Uhr mit einem mehrgängigen Essen. Es besteht da bei eher konservativen Spaniern praktisch Krawattenzwang. Aber was für eine Befreiung (!) vom deutschen Feierzwang ab 19 Uhr! Pünktlich zum Dessert werden zwölf abgezählte und in Folie eingewickelte, einzelne Trauben für jeden Gast an den Tisch gebracht. Da dachte ich beim ersten Mal verdutzt: Was soll das nun? Doch wie gebannt starren alle in den Minuten direkt vor Mitternacht auf den ohnehin durchgängig eingeschalteten Fernsehapparat. Und dann kommen plötzlich die Trauben ins Spiel.

Wird das Ziffernblatt des Madrider Rathauses eingeblendet, wickeln alle ihre zwölf Trauben aus und zählen sie ab (es müssen, um Himmels willen, genau zwölf sein).

Sobald sich der große Zeiger über den kleinen legt, gibt es kein

Madrider Rathaus. Photo: Jorge SoloDesigns (CC BY-NC-ND 2.0)

Halten mehr: Mit jedem Glockenschlag wird eine Traube verspeist. Natürlich leidet das Glück im neuen Jahr, wenn man zu früh anfängt, sich bei den Glockenschlägen vertut – Achtung, es gibt erst Glockenschläge für die volle Stunde – oder verschluckt.

 

Dazu schickt es sich, Eheringe in den gefüllten Cavagläsern zu versenken und rote Unterwäsche zu tragen. Das ist übrigens auch in Italien der Fall, wie ich später erfahren habe.

Niedlich, niedlich, die Spanier: über “momentitos” und “€uritos”

Sonntagmorgen in La Latina, Flohmarkt auf den Straßen, die Sonne brennt gnadenlos auf Billig-T-Shirts und Handtaschen.

In einer Bar am Straßenrand nehme ich meinen ersten Cortado, einen kleinen Milchkaffee, des Tages.

Eine Frau mit Brille und Strohhut kommt an den aus einer Vitrine in U-Form bestehenden Tapas-Tresen und bestellt eine
“cañita”, trinkt sie in einem Zug aus und geht wieder, während vier Männer ringsumher in ihren café con leche starren.
Da war sie wieder – die allgegenwärtige Verniedlichung. Eine caña ist ja schon ein sehr kleines Bier (ca. 0,2l), cañita demnach ein “kleines Bierchen”, was mir stark nach Verniedlichung von Alkoholismus klingt zu dieser Tageszeit.
Die Spanier verniedlichen aber abgesehen von solchen absichtsvollen Relativierungen gerne alle möglichen und unmöglichen Hauptwörter auf eben diese Weise auch ganz ohne Grund, wie mir scheint.
So wird aus einem “momento”, den sich ein Straßenverkäufer erbittet, ein “momentito”, aus der “copa” – einem großen (Wein-)Glas – im Restaurant im Wortlaut der Bedienung eine “copita”. Und in einer Bäckerei in Chueca flötet mir die Verkäuferin, als es ans Bezahlen geht, 6 “euritos” mit einer Betonung und Frequenz auf dem “i” ins Ohr, die eigentlich die Bäckerei-Vitrine zerspringen lassen müsste.

Der Ausflug nach La Latina und Chueca sind die letzten Stationen einer kleinen Spanien-Rundfahrt.
Diese “Rund”fahrt habe ich an den dreiwöchigen Sprachkurs in Alicante angehängt, um gleich im Alltag zu erproben, was die Grammatik-Tortur so gebracht hat. So habe ich ein wenig Andalusien an der Küste abgeklappert. Nun bin ich in der Hauptstadt angekommen, in die der Schnellzug ab Alicante in gut zwei Stunden brettert. Eine kleine Pension in La Latina ist meine erste Station.

Spanien: Grobheit im Supermarkt geht gar nicht

Beim Reisen lernt man ja oft mehr über sich selbst als einem lieb ist. Wenn sich Harald Martenstein in Berlin schon freut, morgens bei der Fahrt zur Arbeit auf dem Rad nur zweimal als Arschloch beschimpft zu werden, könnte der Kontrast zum Leben in Spanien kaum größer sein.
Als Deutscher, der in dieser Hinsicht auch einiges an Boshaftigkeiten gewohnt ist (und sicher auch selbst seinen Teil dazu beiträgt), finde ich die hohe spanische Toleranz gegenüber langsameren Mitmenschen, ob im Auto, auf dem Rad oder im Supermarkt, bemerkenswert. Man ist in diesen Dingen demonstrativ entspannt.
Pöbelei und grobes Foulspiel speziell beim nervtötenden Warten in größeren Menschenmengen habe ich in Spanien nie erlebt. In Deutschland gehören diese Phänomene beim Einkaufen oder am Bahnhof ja fast irgendwie dazu. Dass sich Kunden in Geschäften, Bars oder bei der Bahn lautstark beschweren oder gar unverschämt werden, ist in Spanien schwer zu finden. Mitmenschen die eigene schlechte Laune – “mala leche” – spüren zu lassen, ist verpönt. Der kontrast zu Deutschland scheint hier deutlich – das ist aber nur ein Baustein für die manchmal etwas angespannte Atmosphäre im Umgang “auf der Straße” und im Alltagsleben dahoim. Die umstände führen bei mir jedenfalls zu oft zu ungesundem Spannungsaufbau.
Meine längst zur Gewohnheit gewordene Anspannung im deutschen Alltag wurde mir in Spanien zum Beispiel sehr bewusst, als ich ein Straßenfest in Madrid besuchte, hier ein Foto der Feiern im Viertel “La Latina” zu Ehren der “La Virgen de la Paloma”, 16.08.2014.

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Zugegebenermaßen bin ich in Menschenmengen meistens emotional überfordert oder übersensibel, halte die Ellbogen im Anschlag in einer Art permanenter innerer Verteidigungshaltung – sehr unentspannt das alles – und vermutlich auch stark lebensverkürzend.
Am Essensstand beim Straßenfest war dann allerdings auch niemand, der sich mehr oder weniger elegant vor mich schob, wie es in Deutschland immer passiert. Und als das einmal im Bahnrestaurant und einmal in einem Zeitschriftenladen passierte, achteten die Verkäufer peinlich darauf, die richtige Reihenfolge einzuhalten, obwohl sich seitwärts der Schlange jemand vorbei gedrängelt hatte und mit Blicken und Gesten auf sich aufmerksam machte. In Deutschland führt das meistens zum Erfolg. Vielleicht waren es Zufälle, ich glaube eher nicht.
Diese Grobheit, bewusst zu drängeln, scheint mir in Deutschland sozial eher akzeptabel und von vielen mehr als eine Art von cleverer Durchetzungsfähigkeit betrachtet zu werden – ebenso wie eben das Drängeln auf Autobahnen und Radwegen eben, wie es Martenstein so gut beschreibt.

Von Ojalá bis Alhambra auf den Spuren der Araber in Spanien

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Spuren und Einflüsse der arabischen Herrschaft in Spanien sind überall bis heute in Architektur und Speisekarte sichtbar (oben ein historisches Foto der “Moros y Cristianos”-Schauspiele in Erinnerung an die arabische Herrschaft und ihre Beendigung durch die Truppen der christlichen Könige, Carboneras, Andalusien)
Vor allem erinnert aber die Sprache in vielen Begriffen und Lauten an den arabischen Einfluss.
Al-Andalus nannten die arabischen Eroberer die Iberische Halbinsel. Die südliche Region Andalusien (Teil meiner kleinen Erkundungstour nach getaner Arbeit im Sprachkurs)
trägt diesen Namen bis heute.

In meinen Spanischstunden stieß ich auf noch mehr Fundstücke aus dem Arabischen – die Wendung “ojalá” zum Beispiel, garniert mit dem kehligen “j”-Rachenlaut.
Dieser lässt das Spanische für meine Ohren generell ziemlich arabisch klingen und gibt ihm seinen eher rauhen Charme.
Auch schon in “jamon” klingt dieser Einfluss für meinen Geschmack an, wenn ich dieses simple Beispiel mal für Freunde der Schinkenstraße wählen darf. “Ojalá” klingt aber weitaus exotischer, eben nach einem arabischen Gebetsruf und drückt im Spanischen einen sehnlichen Wunsch aus (“hoffentlich…”). Tatsächlich handelt es sich um die hispanisierte Form von Inschallah – “so Gott will” – find ich ziemlich faszinierend. “Azucár”, Zucker, ist ein Beispiel für ein Alltagswort aus dem Arabischen. Dabei haben die Spanier den arabischen Artikel “al” praktischerweise gleich mit importiert, das “l” aber wegen Konsonantenhäufung verschluckt. Bei “alfombra”, Teppich, ist das “l” noch da. Und da sind wir sprachlich schon nahe bei der Alhambra in Granada (verzeiht diesen Übergang, Architekturliebhaber), einem der eindrucksvollsten Beispiele für erhaltene arabische Baukunst in Spanien, die ich schon letztes Jahr besucht habe.
Dieses Jahr habe ich mich ausgiebiger den Stränden Andalusiens gewidmet, ein schwerer, eigentlich anfängerhafter Fehler.