In der SPD zu Hause umstritten – nun Strippenzieherin der Bundespartei?

Als ich vor gut einem Jahr in der Horber Redaktion meinen neuen Job antrat, war ein Redaktionsbesuch der SPD-Bundestagsabgeordneten für den hiesigen Wahlkreis eine meiner ersten Begegnungen mit den Akteuren, die (hoffentlich) für Horb ihr politisches Gewicht in Berlin einbringen.

Saskia Esken kam mit ihrem damaligen Pressereferenten zu Besuch, plauderte höflich mit dem Redaktionsleiter über Digitalisierung. Hängen geblieben ist bei mir – ehrlich gesagt – inhaltlich gar nichts, aber das soll nichts heißen und könnte auch an mir liegen. Studien zu Nachrichtensendungen wie der „Tagesschau“ haben gezeigt, dass Zuschauer sich regelmäßig selbst direkt nach der Sendung an erstaunlich wenig Inhaltliches erinnern können.

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans 
(Quelle:/Copyright https://www.saskiaesken.de/aktuelle-artikel/esken-und-walter-borjans-wollen-sanktionen-abschaffen )

Stattdessen erinnern sich aber viele daran, welche Farbe der Blazer der Moderatorin oder die Krawatte des Journalisten vor der Kamera hatte. Ähnlicher Wahrnehmung ist nun Saskia Esken ausgesetzt, die nach Michael Theurer als zweites Mitglied des Bundestags aus dem Wahlkreis Calw, zu dem Horb gehört, die ganz große Berliner (Fernseh-) Bühne betreten hat und gleich zur Feuertaufe bei Anne Will die sonntägliche politische Talkmesse mitlesen durfte. Dabei schlug sie sich erstaunlich gut – wie viele politisch versierte Beobachter auch in Journalistenkreisen verblüfft feststellten. Dem als Chauvinisten bekannten „Bild“-Kolumnisten Franz Josef Wagner war Eskens kometenhafter Aufstieg gleich einen seiner berühmt-berüchtigten „offenen Briefe“ an die „Liebe Saskia Esken“ wert, in der er Esken frontal mit sexistischem Unterton angeht. Sie sei eine Hinterbänklerin, sie habe noch nie eine große Rede gehalten, sie sei nicht wahrgenommen worden bisher in der SPD. Dies alles würde ich auch unterschreiben.

Esken, gelernte Informatikerin, ist jedoch eine ausgewiesene und auch bei Fachkongressen wie der Berliner „re:publica“ gehörte Expertin auf dem Gebiet der Digitalisierung, die ja alle Lebens- und Politikbereiche betrifft. Was sich alle fragen, auch Franz Josef Wagner: „Kann sie die SPD retten?“ Sagen wir es so: Es ist nicht auszuschließen. Sie ist zwar keine gewiefte Berufspolitikerin, die es gewohnt ist, in einer immer noch großen Partei die Strippen zu ziehen. Doch vielleicht sind gerade die Frische und ihre Rolle als Kandidatin außerhalb des Berliner Politikbetriebs ihre Stärken. In den Ortsverbänden ihres Wahlkreises nahm man es ihr jedoch sehr übel, dass sie es verpasste, die Genossen über ihre Absichten frühzeitig zu informieren. Entsprechend war das Echo dort, als die Funktionäre aus den Medien erfuhren, Esken bewerbe sich um den Bundespartei-Vorsitz. Jérôme Brunelle, Mitglied im SPD-Kreisvorstand Freudenstadt, meinte angesichts der Nicht-Kommunikation gegenüber unserer Zeitung: „Das finde ich einen ziemlich schlechten politischen Stil.“ Der stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende des Landkreises Freudenstadt, Gerhard Gaiser, äußerte sich sinngleich. Vielleicht sind dies auch Neider eines politischen Talents. Doch in den SPD-Reihen hier wurde nicht nur hinter vorgehaltener Hand über Esken gelästert: Sie sei nicht teamfähig. Sie überschätze sich maßlos.

Manfred Stehle, früherer SPD-Amtschef im Ministerium für Integration und im Kultusministerium der grün-roten Landesregierung und Mitglied des Calwer SPD-Ortsverbands, zweifelte öffentlich Eskens Eignung an (siehe hier). Dies sind alles legitime Befürchtungen.
Nicht legitim ist, was Franz Josef Wagner schrieb: „Wenn man sie ansieht, ist sie eine Arbeiter-Frau. Ungeschminkt. Lücken-dünn, keine gefärbten Wangen, kein Parfüm, sie ist keine Madame.“ Dies sind die letzten Worte der Kolumne. – als Antwort auf die Frage nach politischer Befähigung. Das gibt einen Vorgeschmack, was Esken bevorstehen könnte. Doch sei alles dahingestellt: Vielleicht ist sie ein politisches Naturtalent, das im unbedeutenden Wahlkreis Calw-Freudenstadt schlicht verschenkt war.

In den parteiinternen Wahlkampf um den Parteivorsitz war sie zusammen mit Norbert Walter-Borjans mit der kaum verklausulierten Ankündigung getreten, die große Koalition mit der CDU nicht weiterführen zu wollen. Nachdem das Kandidatenduo nun sehr überraschend den SPD-Mitgliederentscheid gewonnen hat, klingt das schon ganz anders, man laviert. Die beiden sehen sich plötzlich mit den Forderungen und Ansprüchen der Gesamtpartei in Regierungsverantwortung konfrontiert, es geht um die Hausmacht – hinter den Kulissen ist es ein Machtkampf zwischen dem linken SPD-Lager, für das Esken, Walter-Borjans und auch Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert stehen, und den „Agenda-2010“-Verteidigern und Altkanzler-Schröder-Getreuen. Esken steht allen Unkenrufen zum Trotz kurz davor, den beiden Kanzlern Willy Brandt und Gerhard Schröder an der Spitze der deutschen Sozialdemokratie nachzufolgen, auch einem intellektuellen und rhetorischen Schwergewicht wie Oskar Lafontaine. Es wäre eine Sensation, über die sich auch in Calw, Freudenstadt und Horb viele freuen würden. Lafontaine hat beim SPD-Parteitag in Mannheim einst Rudolf Scharping mit der Macht der Argumente und der Rhetorik aus dem Vorsitzenden-Amt geputscht. Zehn Vorsitzende später und etwa 25 Prozentpunkte in den bundesweiten Sonntagsfrage-Messungen für die SPD weniger steht nun wieder ein Bundesparteitag an. Bei dem wird wohl Saskia Esken an die Spitze der bundesdeutschen Sozialdemokratie gewählt – wenn es nicht wieder einen Putsch gibt. Ganz auszuschließen ist das nicht.

Frank Wewoda (veröffentlicht am 3. Dezember in der Südwest Presse Neckar-Chronik/Schwäbisches Tagblatt GmbH, Tübingen)