Alternative Fakten kannste schon machen…

Heute war ich beim March for Science in Frankfurt. “Die Suche nach Wahrheit ist nicht immer kompatibel mit der Suche nach gesellschaftlicher Mehrheit”, sagte Prof. Dr. Joybrato Mukherje, Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen und Vizepräsident des DAAD, bei der Kundgebung vor Beginn der Demonstration.
Gegen Rationalität und wissenschaftliche Methoden der Erkenntnisgewinnung dürften eigentlich keine ernsthaften Einwände bestehen, sollte man meinen. Aber nun hat 2016 erst die Leave-Fraktion, angeführt vom heutigen Außenminister Boris Johnson, Großbritannien mit ziemlich dreisten Lügen in den Brexit geführt. Donald Trump, Ende 2016 dann zum Präsidenten der USA gewählt, hatte wohl noch nie gesteigertes Interesse an einer faktenorientierten Auseinandersetzung mit der Welt.

Da kann es nicht schaden, die Freiheit und Unabhängigkeit March for Science Frankfurt 1der Wissenschaft zu unterstützen, mehr aus Solidarität mit Klimaforschern und den Umweltschutzbehörden der USA oder Wissenschaftlern in der Türkei. In über 400 Städten weltweit sollen Menschen auf die Straße gegeangen sein, um für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung  zu demonstrieren sowie deren Bedeutung als Grundlage  einer offenen und demokratischen Gesellschaft. In Deutschland marschierten Wissenschaftler und ihre Unterstützer in über 20 Städten, unter anderem auch in Frankfurt am Main.

March for Science Frankfurt 3

Spanien: Grobheit im Supermarkt geht gar nicht

Beim Reisen lernt man ja oft mehr über sich selbst als einem lieb ist. Wenn sich Harald Martenstein in Berlin schon freut, morgens bei der Fahrt zur Arbeit auf dem Rad nur zweimal als Arschloch beschimpft zu werden, könnte der Kontrast zum Leben in Spanien kaum größer sein.
Als Deutscher, der in dieser Hinsicht auch einiges an Boshaftigkeiten gewohnt ist (und sicher auch selbst seinen Teil dazu beiträgt), finde ich die hohe spanische Toleranz gegenüber langsameren Mitmenschen, ob im Auto, auf dem Rad oder im Supermarkt, bemerkenswert. Man ist in diesen Dingen demonstrativ entspannt.
Pöbelei und grobes Foulspiel speziell beim nervtötenden Warten in größeren Menschenmengen habe ich in Spanien nie erlebt. In Deutschland gehören diese Phänomene beim Einkaufen oder am Bahnhof ja fast irgendwie dazu. Dass sich Kunden in Geschäften, Bars oder bei der Bahn lautstark beschweren oder gar unverschämt werden, ist in Spanien schwer zu finden. Mitmenschen die eigene schlechte Laune – “mala leche” – spüren zu lassen, ist verpönt. Der kontrast zu Deutschland scheint hier deutlich – das ist aber nur ein Baustein für die manchmal etwas angespannte Atmosphäre im Umgang “auf der Straße” und im Alltagsleben dahoim. Die umstände führen bei mir jedenfalls zu oft zu ungesundem Spannungsaufbau.
Meine längst zur Gewohnheit gewordene Anspannung im deutschen Alltag wurde mir in Spanien zum Beispiel sehr bewusst, als ich ein Straßenfest in Madrid besuchte, hier ein Foto der Feiern im Viertel “La Latina” zu Ehren der “La Virgen de la Paloma”, 16.08.2014.

Fotosp

Zugegebenermaßen bin ich in Menschenmengen meistens emotional überfordert oder übersensibel, halte die Ellbogen im Anschlag in einer Art permanenter innerer Verteidigungshaltung – sehr unentspannt das alles – und vermutlich auch stark lebensverkürzend.
Am Essensstand beim Straßenfest war dann allerdings auch niemand, der sich mehr oder weniger elegant vor mich schob, wie es in Deutschland immer passiert. Und als das einmal im Bahnrestaurant und einmal in einem Zeitschriftenladen passierte, achteten die Verkäufer peinlich darauf, die richtige Reihenfolge einzuhalten, obwohl sich seitwärts der Schlange jemand vorbei gedrängelt hatte und mit Blicken und Gesten auf sich aufmerksam machte. In Deutschland führt das meistens zum Erfolg. Vielleicht waren es Zufälle, ich glaube eher nicht.
Diese Grobheit, bewusst zu drängeln, scheint mir in Deutschland sozial eher akzeptabel und von vielen mehr als eine Art von cleverer Durchetzungsfähigkeit betrachtet zu werden – ebenso wie eben das Drängeln auf Autobahnen und Radwegen eben, wie es Martenstein so gut beschreibt.

#aufschrei! Sexismus-Debatte im Stile der 70er-Jahre ist so zeitgemäß wie…Sex-Opa Brüderle

Hach, was ist die #aufschrei-Debatte um Sexismus schön – klare, altertümliche Rollenbilder, eindeutig nach Geschlechtern zu trennende Zuschreibungen.  Und dies alles, nachdem Schwerenöter-Altmeister Rainer Brüderle im Stern der losen Zunge gegenüber einer fast 30-jährigen Journalistin überführt wurde. Und ja, liebe #aufschrei-Empörten, das war definitiv eine Respektlosigkeit und Grenzüberschreitung, die man Brüderle vorwerfen kann (auch wenn Zeitpunkt und Machart der Veröffentlichung dermaßen peinlich taktisch – Auflage! Aufmerksamkeit! – motiviert sind….). Die daran anschließende generelle Debatte, wie sie auf Spiegel online derzeit zu besichtigen ist, grenzt das Thema – also Sexismus von Männern gegenüber Frauen – allerdings völlig beliebig ein und ist in dieser Form ja nun auch völlig aus der Zeit gefallen. Auf heutigem Stand der Geschlechter- und Genderdiskussionen so einen ollen Schmu zelebrieren?

Diese ganze Diskussion in alten Grabenkämpfen zwischen Mann und Frau auszutragen, ist  in etwa so zeitgemäß wie Sex-Oppa Brüderle selbst oder der Professor (falls es ihn tatsächlich geben sollte) , der laut Tweet zu einer Studentin in der Prüfung sagte: “Malen Sie mir mal einen Herd an die Tafel. Da gehen Sie besser wieder dran.” Beklagenswert, dass es Tweets wie solche offenbar ungeprüft in die Berichterstattung von Spiegel Online schaffen. Wie wär’s hier mit Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Quelle? Denkt bei Spon irgendjemand auch an Trolle, die die Debatte mit frei erfundenen Beiträgen bereichern? Wo bleiben journalistische Standards in Zeiten des Web, liebe Spiegel-Gruppe?

Die Debatte in diese uralten Bahnen der Frauenemanzipation zu lenken, ist allerdings mein Hauptkritikpunkt an der Berichterstattung.  Das führt zu einer solch reflexhaften, zugleich unreflektierten und billigen Empörung, dass ich nicht nur einen #aufschrei hier absetzen will.

Und in diesem Aufschrei geht es um Klischees, Schubladendenken und ein lächerlich altmodisches Weltbild, das 1970 vielleicht aktuell war. In diesen alten Denkmustern werden Frauen zu Freiwild, die eben erst die Fesseln von Kindern, Küche und Kirche gesprengt haben. Die Debatte liefert so vorhersehbare Reflexe, zu denen der Bild-Zeitung  in den nächsten Tagen prächtige Schlagzeilen einfallen dürften.

Aber auf der Höhe der Zeit wäre die Debatte doch wohl eher, wenn wir uns fragen, ob nicht auch Männer, Kinder, mental eingeschränkte oder alte Menschen  Opfer von Sexismus werden können? Ob diese “Opfergruppen” nicht ebenso schützenswert sind? Ob zum Beispiel junge, in ihrem Wesen noch unsichere Männer nicht manchmal vor bubiverschlingenden Vamps  geschützt werden müssten?

Ich denke gerade nur an die Protagonisten, die Kate Winslet und David Kross in “Der Vorleser” darstellen. Vielleicht hat ja auch der Jüngere seine Position ausgenutzt, als er die geistig schwer verwirrte, ehemalige KZ-Aufseherin um den Finger wickelte? Machtmissbrauch, Machtgefälle – darum geht es, ganz egal, wo und hinter welchen Personen, Geschlechtern, Altersgruppen, Nationalitäten oder Umständen sich dies verbirgt.

Wie wäre es mit einer von Einsamkeit und Verzweiflung getriebenen Frau, nennen wir sie Susanne. Die studierte, sprachlich versierte und und nach Mainstream-Schönheitsidealen eher unattraktive Susanne also lernt in der Kneipe einen der deutschen Sprache nicht mächtigen, eben in Deutschland angekommenen Flüchtling namens Guiseppe kennen. Sie bringt den etwas einfältigen, aber in Susannes Wahrnehmung blendend aussehenden Guiseppe in Abhängigkeit, indem sie ihm allerlei Formalitäten erledigt und dank deutscher Sprachkenntnisse sogar einen Job verschafft. Daraufhin drängt sie sich ihm auf und nutzt seine Gefühle der Dankbarkeit zu einer sexuellen Ännäherung, der sich Guiseppe aus Schüchternheit und befürchteter NAchteile für die weitere Integration nicht zu widersetzen wagt. Was ist das?

Ist das  #aufschrei?? Ist das Sexismus? Ist das Ausländerfeindlichkeit? Ist das vielleicht eine furchtbare Diskriminierung und sexuelle Ausbeutung etwas einfach gestrickter Menschen, die sich nicht wehren können? Sehr richtig heißt es im ansonsten unterirdischen Spon-Artikel “Sexismus-Debatte: Übergriffe sind alltäglich”:  “Es braucht ein Machtgefälle, um Grenzen ungescholten überschreiten zu können.” Sehr richtig. Nur ist dieses Machtgefälle nicht ans Geschlecht gebunden. Also hört bitte schon auf mit dem #aufschrei-Quatsch. Oder weitet #aufschrei aus zu einer #respektlos-Debatte oder #machtmissbrauch-Debatte. Nur ließen sich damit halt nicht so hübsch Schlagzeilen machen und eine völlig verfehlte, hirnrissig aufgeblasene und moralinsauer-altmodische Debatte führen, die Klickzahlen in die Höhe treibt.

Schön und gut, was der Stern-Reporterin widerfahren ist, das ist eine unangemessene Grenzüberschreitung und – etwas tiefer gehängt – schlichtweg eine Respektlosigkeit, die als solche bezeichnet und dem Urheber gegenüber kritisiert gehört. Ausgerechnet Kanzlerin Merkel liefert dazu einen beschwichtigenden  Beitrag, der die vor allem auf Spiegel online reichlich übermäßig moralisch aufgeladene Debatte klug zurechtrückt: “Sie ließ ihren Sprecher mitteilen, dass sie für einen menschlich professionellen und respektvollen Umgang stehe – ausdrücklich auch zwischen Politikern und Journalisten”, steht in Spon.