Die spanisch-schwäbische Greiftruppe auf der Buchmesse (que poca vergüenza!)

Heißa, wir waren zum ersten Mal zusammen auf der Buchmesse – vier SpanierInnen und ich.  Sehr klug, am letzten Tag zu gehen, weil da gerne was verschenkt wird, vor allem im internationalen Bereich. Und ganz besonders gilt das für die spanische Abteilung, weil da die Hemmschwelle sowohl der Gebenden als auch der Nehmenden besonders niedrig ist.
Eine echte Win-win-Situation ganz im spanischen Sinne: Die einen sparen sich Arbeit, weil es am Ende nichts mehr zum Einpacken und Wegschleppen gibt. Die anderen nehmen alles mit, was sie tragen können – ganz egal, ob sie überhaupt lesen können, wollen oder Bücher eigentlich sowieso total langweilig finden. Zwar spürte ich etwas deutsche Scham und ganz deutlich eine moralische Greifhemmung, aber am Ende setzte sich doch meine pragmatisch-schwäbische Seite durch. Ha, die brauchen das ja nimmer! Das schmeißen die sonscht alles weg!
Wir haben uns in einen regelrechten Rausch beschenken lassen. Die freundliche spanische Hostess am Stand meinte nur: jeder nur ein Buch! Ergebnis? Queeee poca vergüenza!!!!!!!! Alles  muss raus, alles muss mit. Für umsonscht, wie wir Schwaben sagen. Die Taschen und Rucksäcke füllten sich, bis die Trageriemen rissen.
Merke: A caballo regalado no le mires el dentado… komisch, dass manche Sprichwörter einfach wörtlich übertragen werden können. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Friede den Brüsseler Hütten und den kleinen grauen Männern?

Die EU entstand mehr zwangsläufig aus dem Kalten Krieg. Deutschland verdankt seine Entwicklung bis hin zur EU-Integration dem Bündnis gegen die Sowjetunion. Das schreibt treffend Arno Widmann in seinem Artikel “Ein Hoch der Bürokratie!” in der Frankfurter Rundschau. Keine Vision beflügelte die Staatenlenker, sondern schiere Not zwang sie zum Handeln. Ohne Not wurde dann der Euro eingeführt, in unendlicher Selbstüberschätzung die gemeinsame Währung mit zweifelhaften Teilnehmerländern der EU übergestülpt.

Und heute? Die schiere Euro-Not treibt die Handelnden jetzt voran. Ob diese das Haus Europa – oder “die prächtigen Straßburger und Brüsseler Hütten”, wie Widmann spottet, zum Einsturz bringen oder das Fundement tatsächlich nur fester zementieren, bleibt abzuwarten. Die Ernüchterung, die das Ganze umweht, beschreibt Widmann schön: Die Utopie Europa scheint gestorben zu sein. Die Zeit, da junge Menschen die Grenzzäune einrissen, liegt Jahrzehnte zurück. Das heute nobilitierte Europa überlegt, wie es Grenzzäune errichtet gegen die, für die es noch immer eine Utopie ist, ein Traum jedenfalls, ein Hoffnungsort.

Hat was, der Lobgesang auf den kleinen, grauen, sturen Bürokraten: “…Wir [feiern] keinen großen Entwurf, keine mächtige Idee, wir feiern eine gebrechliche, verletzliche Wirklichkeit, und wenn wir klug sind, dann feiern wir die vielen kleinen grauen Männer und Frauen, die dafür sorgen, dass Europa weiter eine Wirklichkeit bleibt und nicht wieder zu nichts als einer Idee wird.” Das wäre mir allerdings jetzt doch zu desillusioniert. Jeder Staat hat eine graue, furchtbar langweilige Verwaltung. Dass diese ein Gemeinwesen bis in alle Ewigkeit ohne gemeinsame Vision, Werte oder Idee zusammenhalten kann, glaube ich einfach nicht. Aber vielleicht ist es einfach realistisch, dass die nationalen Fliehkräfte zwangsweise zusammengehalten werden müssen, weil es einen gemeinsamen Nenner, eine gemeinsame Kultur nie geben wird. Aber ich hoffe doch gegen allenVerstand noch darauf .

Das “Manifest zur Neugründung der Europäischen Union von unten, das im Juni 2012 in mehreren großen europäischen Zeitungen veröffentlicht wurde, zielt genau darauf: “Wir, die Erstunterzeichnenden, möchten der europäischen Bürgergesellschaft eine Stimme geben”, heißt es in dem Manifest der Autoren, Künstler und Politiker. Sie fordern dabei die EU sowie die europäischen Regierungen und Parlamente auf, “ein Europa der tätigen Bürger zu schaffen” und ein Freiwilliges Europäisches Jahr für alle Jugendlichen einzuführen.

Doch das wirtschafts- und finanzgetriebene Tagesgeschehen ging wie eine Dampfwalze darüber hinweg. Das hält uns in einem Zustand des nervösen und hektischen Reagierens in Buchhalter- oder Controllermanier. Ein Europa ohne überzeugte Europäer wird nicht funktionieren.

Avanti, EU! Die schwäbische Hausfrau und Melkkuh inspiriert den Kontinent

Wir als Deutsche können uns ja im Moment nicht so recht entscheiden, ob wir uns als Zahlmeister und Melkkuh der Mittelmeerländer beweinen sollen. Oder ob wir uns doch lieber als knallharter Antreiber und Zuchtmeister des Kontinents rühmen, der zusammen mit deutschen Steuergeldern nun Tugend- und Spardiktate in die verkommene Peripherie der Europäischen Union schickt. In Person von Merkel – oder, in schwäbischer Hausfrauenmanier von Kauder – wird unser Land so schulmeisterlich im Ausland vertreten, wie es Kohl nie gewagt hätte.

In dieser Lage kommt mir “Europa kontrovers” gerade recht, dachte ich, ein Journalisten-Seminar. Was für ein Irrtum! Meine Güte, das hat mich gestern wirklich viele Nerven gekostet. Eine Gruppe von Fachjournalisten aus unterschiedlichsten Gebieten traf sich, um Vorträgen über Apparat und technisch-organisatorische Details der EU-Verwaltung – und kurz auch das Europäische Parlament – zu lauschen. Alles staubtrocken dargebracht, mit ganz, ganz vielen Power-Point-Folien, Frontalberieselung, aber fast ohne Diskussion. Sooo kontrovers!
Plötzlich rief der Seminarleiter mitten in einem Vortrag: Der Friedensnobelpreis geht an die EU! Neben mir grummelt es: Ist das ein Aprilscherz?

Nun, sagen wir es so, es handelt sich bei der Entscheidung des Nobelpreis-Komitees doch wohl um eine Ermutigung und Mahnung, die aus meiner Sicht ihre Berechtigung hat. Denn die Idee ist gut.

Beim inmitten der Eurokrise in vielen Ländern neu aufkeimenden Nationalismus handelt es sich jedenfalls mit Sicherheit um keine friedensstiftende Kraft. Das geht aber auf das Konto des Euro, vor allem seiner voreiligen, schlecht vorbereiteten Einführung, mit der sich Kohl und Mitterand in unfassbarer Selbstüberschätzung bei schlampigster Ausführung ein Denkmal gesetzt haben, das gerade in sich zusammenfällt.
Lustig finde ich den Twitter-Spott, zum Wirtschaftsnobelpreis werde es dafür wohl nicht reichen.
Die Kollegen Journalisten ergingen sich während des Seminars nun darin, möglichst klug an die hauptsächlich technisch-organisatorischen Ausführungen mit harmlosesten Fragen anzuschließen. Und diese zugegebenermaßen netten, unbescholtenen Kollegen sollen den Lesern, Zuschauern und Hörern nun den Geist der EU einhauchen, die nicht vorhandene Gemeinschaftskultur schaffen, die es einmal ermöglichen wird, einen gemeinsamen europäischen Bundesstaat mit gemeinsamer Wirtschaftspolitik zu schaffen, die für das Fortbestehen der gemeinsamen Währung wohl unbedingt notwendig ist?
Ich habe leise Zweifel. Aber vielleicht ist alles nur ein Missverständnis meinerseits. Das waren keine Politikchefs der großen Zeitungen, keine Feuilletonisten.

Also aus dem Deutschland dieser Journalisten, unter denen ich mich gestern befand, wird der Impuls zur vertieften EU-Gemeinschaftskultur jedenfalls nicht kommen. Eher werden sie das die technisch-bürokratische Know-how bejubeln, das die riesige EU-Umverteilungsmaschine wie geschmiert am Laufen hält. Das hat ja auch seine Berechtigung. Währenddessen werden auf griechischen Straßen Euro-Flaggen verbrannt, die spanische Regierung spart die letzten Arbeitsplätze für junge Akademiker weg und riskiert laut Spiegel Online einen Volksaufstand – der Rest der spanischen Jugend darf sich schließlich glücklich schätzen, wenn er sich noch maximal als mileuristas verdingen darf – Angestellte, die mit Fulltime-Job um die 1000 Euro monatlich verdienen. Bofinger, zitiert nach Spiegel online: “Niemand hat so viel gespart wie Griechenland – und am Ende hat sich das Land kaputt gespart. Es besteht die Gefahr, dass Spanien irgendwann in die gleiche Situation kommt.” Ich nehme an, die EU-Begeisterung der Spanier wird unweigerlich weiter wachsen.

Ich lebe übrigens in einer deutsch-spanischen Beziehung. Ich liebe die Idee eines vereinten Europas.
Mein Gefühl ist, dass für die Spanier die EU-Bürokratie noch das deutlich kleinere Übel ist, verglichen mit einer ziemlich korrupten und unfassbar opportunistischen Politikerkaste im eigenen Land. Bei der zählen Vetternwirtschaft und Begünstigungen im Kreis der Lieben noch zu den allergeringsten Übeln.
Doch diese Gemengelage scheint irgendwie nicht gemacht für eine glorreiche EU-Zukunft: Das bald totgesparte Griechenland und das auf dem besten Weg dahin befindliche Spanien. Die technisch-bürokratischen Tugenden der Deutschen, von der Kohl-Generation mit diffuser “Nie-wieder-Krieg”-Motivation in eine gemeinsame Währung gezwungen, die jetzt sehr viel weitergehende Schritte hin zur weiteren Integration notwendig macht – oder eben das ganze Projekt Europa gegen die Wand rasen lässt. Das würde mich maßlos wütend machen.

Mann, kann jemand mal das europäische Projekt retten?

Wie sich die Dinge manchmal wundersam fügen: Während die Europäische Union den Friedensnobelpreis erhält, besuche ich gerade ein Seminar für Journalisten unter dem Titel: “Europa kontrovers”. Um es kurz zu machen: ein Etikettenschwindel.

Ich fühlte mich in etwa so, als würde ich an einem Tag der späten Weimarer Republik die Organe der mehr schlecht als recht zusammengezimmerten deutschen Legislative und Exekutive sowie den damit zusammenhängenden bürokratischen Apparat lobend erklärt bekommen. Ein paar Tage später wäre das ganze System Geschichte… Nun, ich glaube nicht, dass das so weit hergeholt ist. Wenn ich Zeitungsartikel der vergangenen Wochen studiere, kommt darin jedenfalls immer wieder der Satz vor, hier zum Beispiel von Guido Westerwelle vorgetragen: “Europa kann […]scheitern”

Warum wird dann in einem Seminar, das sich “Europa kontrovers” nennt, bitteschön nicht einmal fünf Minuten lang über diese von vielen Seiten vorgetragenen, brennend aktuellen Fragen zur EU diskutiert? Am Ende gab es eine Feedbackrunde. Dummerweise war ich als Erster dran. Ich zürnte: Technisch-bürokratische Details, Erklärungen zum Apparat, aber kein einziger Satz zum ideellen Fundament des europäischen Projekts. Ein Mangel an  Kultur, aber die Bürokratie funktioniert! Die Kollegen waren alle artig und lobten. Ich kam mir alleingelassen vor.

Merkel wird versuchen, sich als Retterin der deutschen Steuergelder gegenüber angeblich faulen Italienern und Spaniern wiederwählen zu lassen (natürlich wird ihre Partei eher unterschwellig an diese niederen Gefühle appellieren). Und es könnte funktionieren. Ich weiß dafür nun Bescheid, welche Daten Eurostat so in seine unendlich  große Datenbank einspeist – und wie ich diese als Journalist abrufen kann, wenn ich weit genug nach unten scrolle.
Sorry, ich fürchte, so wird es nichts werden mit der weiteren europäischen Integration, dem europäischen Nationalstaat, der gemeinsamen Wirtschaft, Sicherheits- und Außenpolitik. Weil alle auf die EU schauen wie auf ein Finanzamt, das sie zwangsweise verwaltet. Ja, so wird Europa scheitern, wenn wir das europäische Projekt technisch-bürokratisch  umsetzen gegen die Bevölkerung der Nationalstaaten. Die Regierungen der Nationalstaaten werden wiederum mit Stimmungsmache gegen eben diese technisch-bürokratische Herangehenweise am Ende wiedergewählt werden. Und dann unliebsame Parteikollegen in die Europäische Kommission entsorgen – wo diese lustig nationale Interessenspolitik betreiben: EU-Kommissar Günther Oettinger Im Einsatz für VW.  Mann, kann mal jemand das europäische Projekt vor neu aufkeimendem Nationalismus retten?

 

 

Schäumend vor Empörung: die “Welt” versenkt die Piraten

Ohhh, die Welt erklärt die Piraten pauschal für unzurechnungsfähig, antipolitisch, naiv, anfällig für totalitäre Tendenzen, kurzum: versenkt, abgesoffen, Fall erledigt – Richard Herzinger schreibt in der Welt: Piraten – Erst flüssige Demokratie, dann überflüssig

Allerdings schüttet Herzinger das Kind mit dem Bade aus – wenn die “Liquid Democracy” nicht absolut und zu 100% funktioniert, so ist Impuls  und Geist der digitalen Basisdemokratie doch ein notwendiger und von vielen Wählern ersehnter Kontrapunkt zum machtpolitisch verkrusteten Establishment.

Könnte aus Herzingers Ode an die “institutionalisierten regulativen Instanzen” womöglich die nackte Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust sprechen? Die vierte Gewalt verlagert sich ins Internet, das dummerweise nicht dem Verleger des Herrn Herzinger gehört…Frau Schavan hätte sich in den alten, seligen Zeiten, die Herzinger wohl herbeisehnt…  Plagiatsvorwürfe gegen Schavan “Das geht deutlich über gelegentliche Fehler hinaus …nie und nimmer unangenehme Fragen zu ihrer Doktorarbeit gefallen lassen müssen. Karl-Theodor zu Guttenberg wäre auch noch im Amt. Ei, war das fein als Redakteur einer nationalen Zeitung zum Hinterzimmer-Gespräch geladen zu werden, Geheiminformationen von gekränkten Karrieristen aus dem Politikbetrieb gesteckt zu bekommen und dann als Informations-Gatekeeper selbst alle Fäden in der Hand zu haben.

In dieser Stimmung überzieht Herzinger ein klitzeklein wenig…Kostproben: die Piraten glichen einem “Komödienstadel und Gruselkabinett”, würden “dreiste Scharlatanerie” betreiben, seien eine “Sprungbrett für Egotrips”. Ach, Letzteres ist interessant.  Egoismus, Narzissmus, Karrierestreben, pfui, pfui, pfui – liebe Piraten, DAS ist nun wirklich unanständig.
Bei so viel Schaum vor dem Mund will man die folgenden, teils treffenden Analysen leider kaum mehr lesen: “Für einen experimentellen politischen Systemumbau, wie ihn die Piraten versprächen, sei […angesichts von Finanz-, Banken und Eurokrise…] kein günstiger Zeitpunkt.”
Beim nächsten Gedanken und den Parallelen zu den basisdemokratischen Experimenten der Grünen würde ich Herzinger recht geben: “Wenn alle gleichzeitig reden können […] reden nur die wenigen, die sich am schnellsten und lautesten das Wort verschaffen. Und wenn alle bei allem unmittelbar mitentscheiden sollen, bilden sich erst recht Seilschaften und informelle Cliquen, die hinterrücks ihre Mehrheitsbeschaffung organisieren.”

Nun, keine großartige Erkenntnis – wie gesagt: in schwarz-weiß und als entweder-oder funktioniert Liquid Democracy sicher nicht – aber immerhin sind wir mal bei der Sache und nicht bei billigsten Ressentiments und bildungsbürgerlichem Dünkel, die den ersten Teil des Artikels bestimmen und damit das Ganze als Machwerk eines gekränkten Konservativen entwerten.

Trotzdem könnte es ja sein, dass die Piraten wegen menschlicher Unzulänglichkeiten ihre einmalige Chance verspielen. Der Paradigmenwechsel, den sie politisch leben, wird bleiben. Und Zeitungen wie die Welt werden weiterhin rapide an Bedeutung verlieren.