Niedlich, niedlich, die Spanier: über “momentitos” und “€uritos”

Sonntagmorgen in La Latina, Flohmarkt auf den Straßen, die Sonne brennt gnadenlos auf Billig-T-Shirts und Handtaschen.

In einer Bar am Straßenrand nehme ich meinen ersten Cortado, einen kleinen Milchkaffee, des Tages.

Eine Frau mit Brille und Strohhut kommt an den aus einer Vitrine in U-Form bestehenden Tapas-Tresen und bestellt eine
“cañita”, trinkt sie in einem Zug aus und geht wieder, während vier Männer ringsumher in ihren café con leche starren.
Da war sie wieder – die allgegenwärtige Verniedlichung. Eine caña ist ja schon ein sehr kleines Bier (ca. 0,2l), cañita demnach ein “kleines Bierchen”, was mir stark nach Verniedlichung von Alkoholismus klingt zu dieser Tageszeit.
Die Spanier verniedlichen aber abgesehen von solchen absichtsvollen Relativierungen gerne alle möglichen und unmöglichen Hauptwörter auf eben diese Weise auch ganz ohne Grund, wie mir scheint.
So wird aus einem “momento”, den sich ein Straßenverkäufer erbittet, ein “momentito”, aus der “copa” – einem großen (Wein-)Glas – im Restaurant im Wortlaut der Bedienung eine “copita”. Und in einer Bäckerei in Chueca flötet mir die Verkäuferin, als es ans Bezahlen geht, 6 “euritos” mit einer Betonung und Frequenz auf dem “i” ins Ohr, die eigentlich die Bäckerei-Vitrine zerspringen lassen müsste.

Der Ausflug nach La Latina und Chueca sind die letzten Stationen einer kleinen Spanien-Rundfahrt.
Diese “Rund”fahrt habe ich an den dreiwöchigen Sprachkurs in Alicante angehängt, um gleich im Alltag zu erproben, was die Grammatik-Tortur so gebracht hat. So habe ich ein wenig Andalusien an der Küste abgeklappert. Nun bin ich in der Hauptstadt angekommen, in die der Schnellzug ab Alicante in gut zwei Stunden brettert. Eine kleine Pension in La Latina ist meine erste Station.

Von Ojalá bis Alhambra auf den Spuren der Araber in Spanien

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Spuren und Einflüsse der arabischen Herrschaft in Spanien sind überall bis heute in Architektur und Speisekarte sichtbar (oben ein historisches Foto der “Moros y Cristianos”-Schauspiele in Erinnerung an die arabische Herrschaft und ihre Beendigung durch die Truppen der christlichen Könige, Carboneras, Andalusien)
Vor allem erinnert aber die Sprache in vielen Begriffen und Lauten an den arabischen Einfluss.
Al-Andalus nannten die arabischen Eroberer die Iberische Halbinsel. Die südliche Region Andalusien (Teil meiner kleinen Erkundungstour nach getaner Arbeit im Sprachkurs)
trägt diesen Namen bis heute.

In meinen Spanischstunden stieß ich auf noch mehr Fundstücke aus dem Arabischen – die Wendung “ojalá” zum Beispiel, garniert mit dem kehligen “j”-Rachenlaut.
Dieser lässt das Spanische für meine Ohren generell ziemlich arabisch klingen und gibt ihm seinen eher rauhen Charme.
Auch schon in “jamon” klingt dieser Einfluss für meinen Geschmack an, wenn ich dieses simple Beispiel mal für Freunde der Schinkenstraße wählen darf. “Ojalá” klingt aber weitaus exotischer, eben nach einem arabischen Gebetsruf und drückt im Spanischen einen sehnlichen Wunsch aus (“hoffentlich…”). Tatsächlich handelt es sich um die hispanisierte Form von Inschallah – “so Gott will” – find ich ziemlich faszinierend. “Azucár”, Zucker, ist ein Beispiel für ein Alltagswort aus dem Arabischen. Dabei haben die Spanier den arabischen Artikel “al” praktischerweise gleich mit importiert, das “l” aber wegen Konsonantenhäufung verschluckt. Bei “alfombra”, Teppich, ist das “l” noch da. Und da sind wir sprachlich schon nahe bei der Alhambra in Granada (verzeiht diesen Übergang, Architekturliebhaber), einem der eindrucksvollsten Beispiele für erhaltene arabische Baukunst in Spanien, die ich schon letztes Jahr besucht habe.
Dieses Jahr habe ich mich ausgiebiger den Stränden Andalusiens gewidmet, ein schwerer, eigentlich anfängerhafter Fehler.